Aug. 27

Mal so, mal so
Der ROLLING STONE lobt ihre Musik. Sie würden „das Gemeinsame in Neo-Folk, Indie-Rock und aktuellem Pop-Gefühl“ finden und nennt The Majority Says im gleichen Atemzug mit Coldplay, Woodkid und Bastille. Entschuldigung, aber das ist reichlich übertrieben. Schon im Opener Silly Ghost schlägt mir Sängerin Hannah Antonsson mit dem Liebreiz ihrer mit Zucker verklebten Mädchenstimme gehörig aufs Gemüt.
Antonsson klingt wie die ins Extremste verzerrte Karikatur eine Cartoon-Figur, die alles Gute dieser Welt zu verkörpern versucht. Wäre da nicht hin und wieder einer der fünf Herren, mit denen sie gemeinsam The Majority Says formiert, der glücklicherweise für einen zweistimmigen Gesang sorgt – ich könnte das nicht ertragen. Zum Glück können die Kompositionen retten, was der Gesang vor die Wand zu fahren droht.

Gleich Run Alone klingt nämlich angenehm sphärisch. Es beginnt mit einem Flimmern, über das ein Gleichschrittbeat schlägt, bis der Titel an Macht gewinnt, größer wird und so sehr durch Mark und Bein geht, dass einem schwindelig wird. Vielleicht ist hier diese einzigartige Magie schwedischer Popmusik, von der immer wieder die Rede ist, am deutlichsten zu spüren.
Auch einen Titel für die Generation Twitter hat das Sextett in der Playlist. Follower heißt der und befasst sich natürlich nicht mit unser aller Lieblingsnetzwerk. Vielmehr werden darin Coming-of-Age-Facetten erzählt. Doch der Text verkommt zur Nebensache, so billig wirkt die Musik hier zusammenkomponiert. Alles was das Keyboard aus den Kindheitstagen hergibt, wird einem hier um die Ohren gehauen: Sounds, Beats, Tempovorgaben, Effekte, schlimm.

So rührend Raindrops auch dann auch sein soll, so sehr bin ich an dieser Stelle raus. Ich muss mich sogar korrigieren bzw. noch deutlicher werden: Es sind weder Gesang, noch Akzent, die mich zur Weißglut treiben. Ihrer Stimme fehlt es einfach an Gewicht, um glaubhaft vermitteln zu können, dass hier eine erwachsene Frau vom Leben singt.
Und so könnte ich das gesamte Album akribisch durchgehen. Mal gibt es sehr gelungene Songs (Raspberry Love, All The Things I Didn’t Do, Under Streetlights), die insgesamt durchdacht und clever aufgebaut sind oder zumindest eine schöne Idee wohlportioniert durch den Song tragen. Where Is The Line etwa klingt ab dem ersten Refrain wie ein wunderschöner Song von Mumford & Sons.
Genauso gibt es aber eben auch die viel zu einfach gestrickten Popsongs, die noch dazu furchtbar billig zusammenmusiziert scheinen; fast so, als wäre man soundmäßig in den 80er oder 90er Jahren hängen geblieben. Und bevor es mir einige von euch entgegenrufen: Ja, diese beiden Musikjahrzehnte erleben durchaus einen Reboot. Aber The Majority Says hatten bestimmt nicht vor, mit ihrem Folk-Pop entsprechende Referenzen zu basteln. Dafür klingt das Album zu unhomogen.

Also halten wir fest: Es gibt gute und schlechte Songs auf diesem Album. Die Kompositionen, mit denen die sechs Schweden auf den Musikmarkt drängen, sind entweder total gelungen oder eher unterer Durchschnitt. Dazwischen gibt es nichts.  Hinzukommt – aber das ist Empfindungssache –, dass sich Frontfrau Hannah Antonsson so kleinkindhaft niedlich durch die 14 Songs des Albums säuselt, dass ich ihr fast Süßigkeiten kaufen möchte, damit sie einfach mal still ist.
Wenn man also Coldplay, Woodkid und Bastille ganz genau so schlimm findet, kann man The Majority Says durchaus mit den drei bekannteren Bands vergleichen. Und wem die sechs neuen Schweden zu seicht sind, der kann ja immer noch nach den Cardigans greifen. Es ist ja schließlich eh schon Herbst.
The Majority SaysThe Majority SaysVÖ: 22. August 2014
THE MAJORITY SAYS auf Deutschland-Tour

18.09.2014 - Hamburg, Reeperbahnfestival25.10.2014 - Osnabrück, Glanz & Gloria26.10.2014 - Amsterdam, Bitterzoet28.10.2014 - Nürnberg, Nürnberg Pop30.10.2014 - München, Ampere31.10.2014 - Wien, B7202.11.2014 - Oberhausen, Zentrum Altenberg03.11.2014 - Köln, Werkstatt04.11.2014 - Hannover, Lux06.11.2014 - Leipzig, Täubchenthal07.11.2014 - Weinheim, Cafe Central08.11.2014 - Stuttgart, PopNotPop Festival09.11.2014 - Wiesbaden, Räucherkammer10.11.2014 - Berlin, Grüner Salon

Mal so, mal so

Der ROLLING STONE lobt ihre Musik. Sie würden „das Gemeinsame in Neo-Folk, Indie-Rock und aktuellem Pop-Gefühl“ finden und nennt The Majority Says im gleichen Atemzug mit Coldplay, Woodkid und Bastille. Entschuldigung, aber das ist reichlich übertrieben. Schon im Opener Silly Ghost schlägt mir Sängerin Hannah Antonsson mit dem Liebreiz ihrer mit Zucker verklebten Mädchenstimme gehörig aufs Gemüt.

Antonsson klingt wie die ins Extremste verzerrte Karikatur eine Cartoon-Figur, die alles Gute dieser Welt zu verkörpern versucht. Wäre da nicht hin und wieder einer der fünf Herren, mit denen sie gemeinsam The Majority Says formiert, der glücklicherweise für einen zweistimmigen Gesang sorgt – ich könnte das nicht ertragen. Zum Glück können die Kompositionen retten, was der Gesang vor die Wand zu fahren droht.

Gleich Run Alone klingt nämlich angenehm sphärisch. Es beginnt mit einem Flimmern, über das ein Gleichschrittbeat schlägt, bis der Titel an Macht gewinnt, größer wird und so sehr durch Mark und Bein geht, dass einem schwindelig wird. Vielleicht ist hier diese einzigartige Magie schwedischer Popmusik, von der immer wieder die Rede ist, am deutlichsten zu spüren.

Auch einen Titel für die Generation Twitter hat das Sextett in der Playlist. Follower heißt der und befasst sich natürlich nicht mit unser aller Lieblingsnetzwerk. Vielmehr werden darin Coming-of-Age-Facetten erzählt. Doch der Text verkommt zur Nebensache, so billig wirkt die Musik hier zusammenkomponiert. Alles was das Keyboard aus den Kindheitstagen hergibt, wird einem hier um die Ohren gehauen: Sounds, Beats, Tempovorgaben, Effekte, schlimm.

So rührend Raindrops auch dann auch sein soll, so sehr bin ich an dieser Stelle raus. Ich muss mich sogar korrigieren bzw. noch deutlicher werden: Es sind weder Gesang, noch Akzent, die mich zur Weißglut treiben. Ihrer Stimme fehlt es einfach an Gewicht, um glaubhaft vermitteln zu können, dass hier eine erwachsene Frau vom Leben singt.

Und so könnte ich das gesamte Album akribisch durchgehen. Mal gibt es sehr gelungene Songs (Raspberry Love, All The Things I Didn’t Do, Under Streetlights), die insgesamt durchdacht und clever aufgebaut sind oder zumindest eine schöne Idee wohlportioniert durch den Song tragen. Where Is The Line etwa klingt ab dem ersten Refrain wie ein wunderschöner Song von Mumford & Sons.

Genauso gibt es aber eben auch die viel zu einfach gestrickten Popsongs, die noch dazu furchtbar billig zusammenmusiziert scheinen; fast so, als wäre man soundmäßig in den 80er oder 90er Jahren hängen geblieben. Und bevor es mir einige von euch entgegenrufen: Ja, diese beiden Musikjahrzehnte erleben durchaus einen Reboot. Aber The Majority Says hatten bestimmt nicht vor, mit ihrem Folk-Pop entsprechende Referenzen zu basteln. Dafür klingt das Album zu unhomogen.

Also halten wir fest: Es gibt gute und schlechte Songs auf diesem Album. Die Kompositionen, mit denen die sechs Schweden auf den Musikmarkt drängen, sind entweder total gelungen oder eher unterer Durchschnitt. Dazwischen gibt es nichts.  Hinzukommt – aber das ist Empfindungssache –, dass sich Frontfrau Hannah Antonsson so kleinkindhaft niedlich durch die 14 Songs des Albums säuselt, dass ich ihr fast Süßigkeiten kaufen möchte, damit sie einfach mal still ist.

Wenn man also Coldplay, Woodkid und Bastille ganz genau so schlimm findet, kann man The Majority Says durchaus mit den drei bekannteren Bands vergleichen. Und wem die sechs neuen Schweden zu seicht sind, der kann ja immer noch nach den Cardigans greifen. Es ist ja schließlich eh schon Herbst.

The Majority Says
The Majority Says
VÖ: 22. August 2014

THE MAJORITY SAYS auf Deutschland-Tour



18.09.2014 - Hamburg, Reeperbahnfestival
25.10.2014 - Osnabrück, Glanz & Gloria
26.10.2014 - Amsterdam, Bitterzoet
28.10.2014 - Nürnberg, Nürnberg Pop
30.10.2014 - München, Ampere
31.10.2014 - Wien, B72
02.11.2014 - Oberhausen, Zentrum Altenberg
03.11.2014 - Köln, Werkstatt
04.11.2014 - Hannover, Lux
06.11.2014 - Leipzig, Täubchenthal
07.11.2014 - Weinheim, Cafe Central
08.11.2014 - Stuttgart, PopNotPop Festival
09.11.2014 - Wiesbaden, Räucherkammer
10.11.2014 - Berlin, Grüner Salon

Aug. 22

(Quelle: wildfirelust, via videogamesandsex)

Das größte Kompliment
Man mag es kaum glauben, aber das Album Never Hungover Again der amerikanischen Punk-Rock-Band Joyce Manor ist nur etwa 20 Minuten lang. Und das, obwohl es aus zehn Songs besteht. So viel Knappheit gehört gewürdigt – mit einer Albumbesprechung, die auch nur 20 Sätze umfasst. Nach diesem Satz bleiben also noch 16 Sätze.
2008 haben sich die Jungs zur Band Joyce Manor formiert, die seit ihrem ersten Album, das 2011 erschienen ist und den Namen der Band trägt, eine stetig wachsende Fangemeinde hinter sich zu versammeln weiß. Waren es damals noch ausschließlich Punkseiten im Netz, die die Band feierten, sind es jetzt bekanntere Plattformen wie SPIN oder Noisey, die die Band für ihren Mut zur Kurzweiligkeit und den Reichtum an guten Melodien loben.

Und tatsächlich muss man sich nicht besonders anstrengen, um die Liebe zum Musikmachen aus jedem einzelnen Titel herauszuhören. Die Texte der zehn Songs auf Never Hungover Again handeln von Themen wie durchzechten Nächten, Einsamkeit, Liebeskummer, nie endender Sauferei und dem Kummer, der am Ende des Sommers auf einen wartet. Dabei erinnern Joyce Manor all zu oft an die frühen Weezer. Und ja, manchmal ist das schlicht unheimlich.
Geradezu charmant wüst klingen die Amerikaner auf ihrem mittlerweile dritten Album. Ideal also für alle, die mal wieder die Luftgitarre aus dem Luftschrank rausholen wollen. Ärgerlich nur, dass das Album so schnell durchgehört ist. Selbst wenn man weiß, dass man es immer und immer wieder hören kann, wünscht man sich sehr schnell einen Nachfolger, der 3x so lang ist.

Schlussendlich wird einem eines klar: Never Hungover Again allein reicht nicht aus, um es durch einen ganzen Herbst zu schaffen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass jeder dieser Songs auf einem Mixtape landen könnte. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man Joyce Manor machen kann.
Also besorgt euch das Album! Veranstaltet zu jedem einzelnen Song eine Kissenschlacht oder überfallt zwei bis drei Banken (und teilt das Geld mit Joyce Manor). Womit wir auch schon beim 20. Satz dieser Besprechung angelangt wären, also Schluss für heute.
Joyce ManorNever Hungover AgainVÖ: 18. Juli 2014
Im November tourt die Band durch Deutschland:


04.11.2014: Hamburg - Hafenklang
05.11.2014: Dresden - Chemiefabrik 
06.11.2014: Berlin - Cassiopeia 
07.11.2014: Trier - Exhaus
08.11.2014: Düsseldorf - The Tube

Das größte Kompliment

Man mag es kaum glauben, aber das Album Never Hungover Again der amerikanischen Punk-Rock-Band Joyce Manor ist nur etwa 20 Minuten lang. Und das, obwohl es aus zehn Songs besteht. So viel Knappheit gehört gewürdigt – mit einer Albumbesprechung, die auch nur 20 Sätze umfasst. Nach diesem Satz bleiben also noch 16 Sätze.

2008 haben sich die Jungs zur Band Joyce Manor formiert, die seit ihrem ersten Album, das 2011 erschienen ist und den Namen der Band trägt, eine stetig wachsende Fangemeinde hinter sich zu versammeln weiß. Waren es damals noch ausschließlich Punkseiten im Netz, die die Band feierten, sind es jetzt bekanntere Plattformen wie SPIN oder Noisey, die die Band für ihren Mut zur Kurzweiligkeit und den Reichtum an guten Melodien loben.

Und tatsächlich muss man sich nicht besonders anstrengen, um die Liebe zum Musikmachen aus jedem einzelnen Titel herauszuhören. Die Texte der zehn Songs auf Never Hungover Again handeln von Themen wie durchzechten Nächten, Einsamkeit, Liebeskummer, nie endender Sauferei und dem Kummer, der am Ende des Sommers auf einen wartet. Dabei erinnern Joyce Manor all zu oft an die frühen Weezer. Und ja, manchmal ist das schlicht unheimlich.

Geradezu charmant wüst klingen die Amerikaner auf ihrem mittlerweile dritten Album. Ideal also für alle, die mal wieder die Luftgitarre aus dem Luftschrank rausholen wollen. Ärgerlich nur, dass das Album so schnell durchgehört ist. Selbst wenn man weiß, dass man es immer und immer wieder hören kann, wünscht man sich sehr schnell einen Nachfolger, der 3x so lang ist.

Schlussendlich wird einem eines klar: Never Hungover Again allein reicht nicht aus, um es durch einen ganzen Herbst zu schaffen. Trotzdem hat man das Gefühl, dass jeder dieser Songs auf einem Mixtape landen könnte. Und das ist vielleicht das größte Kompliment, das man Joyce Manor machen kann.

Also besorgt euch das Album! Veranstaltet zu jedem einzelnen Song eine Kissenschlacht oder überfallt zwei bis drei Banken (und teilt das Geld mit Joyce Manor). Womit wir auch schon beim 20. Satz dieser Besprechung angelangt wären, also Schluss für heute.

Joyce Manor
Never Hungover Again
VÖ: 18. Juli 2014

Im November tourt die Band durch Deutschland:
04.11.2014: Hamburg - Hafenklang
05.11.2014: Dresden - Chemiefabrik 
06.11.2014: Berlin - Cassiopeia 
07.11.2014: Trier - Exhaus
08.11.2014: Düsseldorf - The Tube

Aug. 21

Herrlich unaufgregt
Hört man das Intro The Ones That I Love, könnte man annehmen Twin Atlantic wären eine weitere Schmuseband, die sich gekonnt in die Herzen aller Indiemädchen spielt. Und tatsächlich! Die vier Jungs aus Schottland spielt sich in die Herzen aller Indiemädchen – also vermutlich. Wenn auch mit alternativem Pop-Rock, der sich einem schon im zweiten Titel des Albums offenbart.
Aber alles der Reihe nach: Das Quartett war gemeinsam mit den Kings of Leon und 30 Seconds To Mars auf Tour. Auch auf dem Glastonbury-Festival durfte Twin Atlantic schon spielen. Ihr zweites Studioalbum Great Divide soll nun den verdienten Durchbruch bescheren. Entstanden ist es mit Jacknife Lee, der bereits U2 und REM produziert hat, sowie Gil Norton, der sowohl für die Foo Fighters als auch die Pixies hinter den Reglern saß.

Man traut es sich ja kaum aufzuschreiben, aber es ist wahr: Twin Atlantic klingen wunderbar unverbraucht und machen, dass man sich mit 32 nur halb so alt fühlt. Es ist aber nicht diese gewollte Jugendhaftigkeit, die die Schotten ausstrahlen, sondern eine angenehme Lockerheit und Unaufgeregtheit. Schon allein deshalb sollte man Great Divide mindestens ein Mal durchhören.
Die 12 neuen Songs klingen schon in Albumform als wären sie bestens zur Liveperformance geeignet. Selbst die ruhigeren Stücke machen Bock, die Jungs live zu erleben. Es ist eine eigenartig wohlige Magie, die die Schotten durch den Äther sprühen. Eine Magie, mit der man sich gern überschütten lassen will. Oceans etwa ist eines dieser ruhigeren Stücke, das – bei all dem Alternativ-Rock, den man geboten bekommt – eines der schönsten Balladen jüngerer Zeit geworden ist. Man will Gänseblümchen in Gewehrläufe stecken und sich im Herbstwind wiegen. Pathos Ende.

Cell Mate reißt einen aus aller angenehm friedlichen Tagträumerei und zeigt: die Herren können auch Punk-Rock. Zugegeben, mich kriegt man mit guten Balladen und cleveren Melodien statt lauter Krawallmacherei. Aber auch ich kann mich der Energie, die Twin Atlantic in ihrer Idee von Rockmusik um sich werfen, nicht erwehren. Will ich auch gar nicht – dafür ist das hier alles viel zu gut.
Und einen Rauswerfer wie Why Won’t We Change, vorgetragen mit all der Inbrunst, Seele und Power knüpft nahtlos an die anfangs in die Runde geworfene Feststellung an: Man wird Twin Atlantic wohl erst live sehen müssen, um vollgepumpt mit einem Gefühl von andauernder Zufriedenheit in die Nacht hineinleuchten zu können. Das hier ist große Rockmusik. Möge die Macht mit euch sein, Jungs!
Twin AtlanticGreat DivideVÖ: 15. August 2014
Und für alle von euch, die das Live-Erlebnis wahr machen wollen, gibt es hier die Tourdaten:
09.11.2014: Köln | MTC10.11.2014: Hamburg | Molotow Exil16.11.2014: Berlin - Magnet 22.11.2014: München | Kranhalle

Herrlich unaufgregt

Hört man das Intro The Ones That I Love, könnte man annehmen Twin Atlantic wären eine weitere Schmuseband, die sich gekonnt in die Herzen aller Indiemädchen spielt. Und tatsächlich! Die vier Jungs aus Schottland spielt sich in die Herzen aller Indiemädchen – also vermutlich. Wenn auch mit alternativem Pop-Rock, der sich einem schon im zweiten Titel des Albums offenbart.

Aber alles der Reihe nach: Das Quartett war gemeinsam mit den Kings of Leon und 30 Seconds To Mars auf Tour. Auch auf dem Glastonbury-Festival durfte Twin Atlantic schon spielen. Ihr zweites Studioalbum Great Divide soll nun den verdienten Durchbruch bescheren. Entstanden ist es mit Jacknife Lee, der bereits U2 und REM produziert hat, sowie Gil Norton, der sowohl für die Foo Fighters als auch die Pixies hinter den Reglern saß.

Man traut es sich ja kaum aufzuschreiben, aber es ist wahr: Twin Atlantic klingen wunderbar unverbraucht und machen, dass man sich mit 32 nur halb so alt fühlt. Es ist aber nicht diese gewollte Jugendhaftigkeit, die die Schotten ausstrahlen, sondern eine angenehme Lockerheit und Unaufgeregtheit. Schon allein deshalb sollte man Great Divide mindestens ein Mal durchhören.

Die 12 neuen Songs klingen schon in Albumform als wären sie bestens zur Liveperformance geeignet. Selbst die ruhigeren Stücke machen Bock, die Jungs live zu erleben. Es ist eine eigenartig wohlige Magie, die die Schotten durch den Äther sprühen. Eine Magie, mit der man sich gern überschütten lassen will. Oceans etwa ist eines dieser ruhigeren Stücke, das – bei all dem Alternativ-Rock, den man geboten bekommt – eines der schönsten Balladen jüngerer Zeit geworden ist. Man will Gänseblümchen in Gewehrläufe stecken und sich im Herbstwind wiegen. Pathos Ende.

Cell Mate reißt einen aus aller angenehm friedlichen Tagträumerei und zeigt: die Herren können auch Punk-Rock. Zugegeben, mich kriegt man mit guten Balladen und cleveren Melodien statt lauter Krawallmacherei. Aber auch ich kann mich der Energie, die Twin Atlantic in ihrer Idee von Rockmusik um sich werfen, nicht erwehren. Will ich auch gar nicht – dafür ist das hier alles viel zu gut.

Und einen Rauswerfer wie Why Won’t We Change, vorgetragen mit all der Inbrunst, Seele und Power knüpft nahtlos an die anfangs in die Runde geworfene Feststellung an: Man wird Twin Atlantic wohl erst live sehen müssen, um vollgepumpt mit einem Gefühl von andauernder Zufriedenheit in die Nacht hineinleuchten zu können. Das hier ist große Rockmusik. Möge die Macht mit euch sein, Jungs!

Twin Atlantic
Great Divide
VÖ: 15. August 2014

Und für alle von euch, die das Live-Erlebnis wahr machen wollen, gibt es hier die Tourdaten:

09.11.2014: Köln | MTC
10.11.2014: Hamburg | Molotow Exil
16.11.2014: Berlin - Magnet 
22.11.2014: München | Kranhalle

(via werewolfbeater)

Aug. 20

Alles hat ein Ende
Der Sommer ist vorbei und bevor vermutlich morgen der erste Schnee fallen wird, will ich an dieser Stelle noch schnell ein paar Bücher vorstellen, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe. Eines davon war Gott schütze Amerika von Warren Ellis.

Ellis ist Autor von Drehbüchern fürs Fernsehen, von Videospielen und Graphic Novels. Auf der Rückseite des Romans steht „Mach dich bereit für einen wunderbaren Tritt in die Fresse!“ geschrieben. Gesagt hat das Brad Meltzer, der ebenfalls Autor ist. Auch er ist für die Comicbranche tätig und obwohl ich die Masche durchschaue, weiß ich um die Leistung beider Autoren. Mit Gott schütze Amerika hat Ellis einen dreckigen Detektivroman geschrieben, der total abnorm ist und mit allen Klischees des Genres spielt. Wer also einen gut strukturierten Krimi erwartet, dürfte hier enttäuscht werden. Das ist in etwa so, als würde man mit einer Folge CSI: Las Vegas rechnen und eine Folge Doctor Who gezeigt bekommen. Ellis’ Hauptfigur Michael McGill erhält den Auftrag, die „Geheime Verfassung des Landes“ zu finden. Mit ihrer Hilfe soll die Pornographisierung und der moralische Sittenverfall in Amerika aufgehalten werden. Nun ist es so, dass McGill ein Held alter Schule ist: ein bisschen verschroben, ordentlich beschädigt in allerlei vorstellbarer Hinsichten und – Achtung Klischee! – sich gerade so über Wasser halten kann. Ein Job von der amerikanischen Regierung bringt da natürlich den nötigen Haufen Kohle, durch den sich McGill ein für allemal zur Ruhe setzen könnte. Also legt er los. Er recherchiert, sucht und gerät dabei in Kontakt mit all den Abgründen, die die zu findende Zauberwaffe am Ende des Abenteuers ironischerweise eindämmen soll. Als Leser weiß man irgendwann gar nicht mehr so recht, ob man McGill Erfolg wünschen soll oder nicht. Denn die kaputte Welt scheint gar nicht so kaputt zu sein. Man spürt, dass Ellis Comicautor ist. Er schreibt derart dynamisch, dass man schon ein Vollhonk sein muss, um keine lebendigen Szenen vor dem geistigen Auge ablaufen zu sehen. Das hier ist natürlich keine großartige Weltliteratur, aber Unterhaltungsliteratur allererster Güte. Wendungsreich, witzig und wahnsinnig irre schildert Ellis die Odyssee seines Helden. Ach und noch was: Auch Liebe kommt in Gott schütze Amerika vor. Reichlich Liebe. Na, wenn das mal kein Grund ist, diesen Roman zu lesen.

Als Steve Tesich 1996 starb, war ich gerade mal 14 Jahre alt. In diesem Sommer habe ich seinen Erstling, Ein letzter Sommer, gelesen. Ab etwa Seite 50 hatte mich dieser knapp 500 Seiten dicke Roman, der die Zeit eines 17-Jährigen unmittelbar nach seinem High-School-Abschluss erzählt. Daniel Price heißt der junge Mann, den eine unheimliche Hassliebe mit seinem an Krebs erkrankten Vater verbindet, weshalb dieser auch irgendwann für einige Wochen ins Krankenhaus muss. Für Daniel beginnt eine Zeit ohne Last, eine, die noch schöner wird, als er ein junges Mädchen namens Rachel kennenlernt und sich in sie verliebt. Leider ist diese Liebe auf eine schmerzhafte Art einseitig und der Leser erfährt erst am Ende des Romans, warum Rachel sich Daniel nie ganz hingeben konnte oder wollte. Es ist auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren, die mich fortwährend an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Rachel ist rätselhaft, verhält sich unlogisch und offenbart dem wachen Leser schon sehr früh, dass da etwas nicht zu stimmen scheint. Nur Daniel will das nicht sehen. Er findet immer wieder offenbar schlüssige Erklärungen für all die Rätsel, vor die ihn dieses Mädchen stellt. Ich war dezent geschockt vom Ende und zugleich überrascht, wie lange Tesich es gelungen ist, auch vor mir den naheliegendsten aller Gründe geheim zu halten. Fuck. Was Tesich auch gelungen ist, ist es, diesen Roman mit so vielen wertvollen Dialogen und berührenden allgemeingültigen Sätzen zu spicken, dass mich nicht selten eine ordentliche Melancholie überfiel. Ein letzter Sommer befasst sich auf wundervolle Weise mit dem Erwachsenwerden, mit den Unwägbarkeiten einer Liebe, dem Wandel von Freundschaften, dem Zerfall einer Familie und Geheimnissen, die wir alle haben, aber von denen nur Wenige wissen.

Vor einiger Zeit habe ich den ersten Roman der James-Bond-Reihe gelesen, die vom Verlag Cross Cult neu herausgebracht wird. Statt mit Band 2 weiterzumachen, habe ich den vorletzten Roman der Fortsetzung dieser Reihe gelesen. Klingt kompliziert? Moment. Autor und Erfinder Ian Fleming lebt bekanntermaßen nicht mehr. Also haben dessen Nachfahren und Erben 2006 den britischen Autor Sebastian Faulks ausgewählt, eine offizielle Fortsetzung zu schreiben. Die Rechnung ging auf und sein Der Tod ist nur der Anfang war ein beachtlicher Erfolg. Faulks war nicht der erste Autor, dem diese Ehre zu Teil wurde: Schon 1968 durfte der britische Schriftsteller Amis Kingsley (mit dem Roman Colonel Sun) das Erbe Flemings antreten. Der aktuellste Autor, der die Bond-Reihe fortführt, ist William Boyd (mit Solo). Ich finde dieses ganze Drumherum mindestens genau so spannend, wie die Bond-Romane selbst. Mit Der Tod ist nur der Anfang ist Sebastian Faulks eine clevere Geschichte über den dienstältesten Geheimagenten der Welt gelungen. Ausgangspunkt ist Bond als übellauniger Antiheld, der seinen Job eigentlich an den Nagel hängen will. Den Ansatz, dass die Hauptfigur ein letztes Mal diesen oder jenen Job erledigt, bevor dann aber auch wirklich Schluss sein soll, kennt man aus anderen Genre-Erzählungen. Das ist nicht neu, aber bei aller Freude am Neuen: Ein Bond-Roman lebt nicht von erzählerischen Kniffen und noch nie da gewesenen Figurenkonstellationen. Für mich ist Der Tod ist nur der Anfang ein guter Bond-Roman, weil er die Figur in ein Setting setzt, das mir aus dem ersten Roman von Ian Fleming vertraut ist. Und das, obwohl zwischen beiden Romanen mehr als 50 Jahre liegen. Auch in Faulkners Bond-Geschichte gibt es den Bösen, die Schöne, den Bond-Helfer, eine abenteuerliche Jagd durch Europa und eine Hand voll spannender Wendungen. Mit einigen wird man rechnen, andere werden einen treffen, wie eine Kugel von hinten. Faulks Bond ist angenehm zurückhaltend cool und nicht ganz so Womanizer wie ihn Fleming sich erdacht hat. Das ist nicht schlimm, sondern macht Bond tatsächlich ein Stück weit interessanter – so wie alles Interesse weckt, das man unbedingt haben will, aber nicht sofort in die Finger bekommt. Wäre Faulks Roman ein Film, dann würde er vermutlich von schnellen Schnitten, schönen Schnitten und schnittigem Tempo leben. Also allen Zutaten, die James Bond zu der Figur machen, für die man sie entweder schätzt oder ablehnt.


Jetzt wird es wieder etwas gewichtiger, aber – keine Sorge – auch nicht wirklich zeigefingerernst. Paul Auster ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Das ist ein bisschen so wie mit der Musik der Stones: Man weiß, dass nur die früheren Sachen wirklich gut sind, feiert aber trotzdem auch jede Neuveröffentlichung. Von J. M. Coetzee, dem südafrikanischen Schriftsteller, hingegen kenne ich kein einziges Buch. Eine Veröffentlichung beider Autoren hat es nun aber geschafft, dass ich mich intensiver mit Coetzee befassen will. Von Hier nach Da heißt eine Sammlung von Briefen zwischen beiden Autoren, die von 2008 bis 2011 entstanden ist. Ich fand die Idee dieser Sammlung deshalb spannend, weil man nicht gezwungen ist, das Buch in einem Ruck wegzulesen, sondern verteilt über einige oder sogar sehr viele Tage immer einen kurzen Schlagabtausch zwischen den beiden Autoren verfolgen kann. Weil ich fast alle Romane von Auster kenne, war ich zu Anfang dieser Briefsammlung mehr auf seine Antworten fixiert. Coetzees Gedanken schienen nicht so sehr die meinen und waren überhaupt immer etwas schwerer zugänglich. Im Laufe der knapp 280 Seiten hat sich das allerdings geändert. In einem stetigen Hin und Her schwadronieren beide über Sport im Allgemeinen, Sport im Fernsehen, Erotik, die Finanzkrise, Kriege, andere Autoren und das eigene Wirken. Coetzee wurde zwei Mal mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet, auch den Literaturnobelpreis hat er schon erhalten. Vermutlich ist es aber so – und das behaupte ich jetzt, ohne es nachweisen zu können –, dass Paul Auster der kommerziell erfolgreichere Schriftsteller ist. Ein bisschen, so bilde ich mir ein, wirken Austers Briefe vielleicht auch deshalb immer so, als würde er zeigen wollen, Coetzee das Wasser reichen zu können. Ein Beispiel, das in dieser Form sehr häufig vorkommt: Auster lobt einen Film oder einen Roman, schwärmt in seinem Brief regelrecht davon. Coetzee aber reagiert zurückhaltend. Wenn er den Film oder das Buch kennt, ist sein Urteil darüber oftmals weit weniger schwärmerisch. Er findet immer etwas, das ihm nicht gefallen hat und begründet das auch überzeugend. Austers nächster Brief enthält dann wirklich immer eine Reaktion in der Art „Nein nein nein, da hast du mich falsch verstanden. Sooo gut fand ich X dann auch nicht. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass…“. Was Auster hingegen gut beherrscht, ist das greifbar Machen meist schwer zugänglicher Themen (Politik, Wirtschaft, …) mit Beispielen aus seinem Leben. Zugegeben: Schon allein weil sich zwei Autoren über die Themen unserer Zeit unterhalten, die gar nicht in Anspruch nehmen, auf allen Gebieten als Experten wahrgenommen zu werden, macht Von Hier nach Da zu einer lockeren Lektüre. Es gibt nichts, das man als Leser verstehen muss. Aber Coetzee und Auster schaffen es, dass man ihnen folgen will. Eines der spannendsten Themen der beiden ist deren Umgang mit technischen Errungenschaften (wie Computer und Handy) in ihren Romanen. Auster hat kein Problem damit und erklärt, dass er – soweit für die Geschichte notwendig – auch für die Leser selbstverständlich gewordenen Technologien in seinen Geschichten zur Verwendung kommen lässt. Coetzee verweigert sich diesem Umstand vollkommen und begründet das damit, dass ihm bei einem Gespräch via Handy oder Mail das für seine Figurencharakterisierung das Wichtigste überhaupt fehlen würde: die Möglichkeit der Mimik und Gestik, die beide miteinander kommunizierende Figuren bräuchten, um dem Leser greifbarer gemacht zu werden. Außerdem gibt Coetzee zu, sich nicht in zu vielen Details der Raumbeschreibung zu verlieren; er würde immer nur das beschreiben, was die Figur in der jeweiligen Situation benötigt. Bis zu dem Moment, an dem eine seiner Figuren in eine Schreibtischschublade greift, um z.B. einen Brief herauszuholen, wurde der Schreibtisch in dem betreffenden Raum nie erwähnt. Auster hingegen braucht solche Ankerpunkte in der räumlichen Beschreibung. Am Beispiel von Hänsel und Gretel und den ersten ein oder zwei Sätzen des Märchens schildern beide, welche Szene sie sich vorstellen. Während Austers Phantasie weit über die eigentliche Beschreibung hinausreicht (also bereits hinzugedichtet wird), ist Coetzees Vorstellung auf das schlichteste Szenario beschränkt. Am Ende sind es eher solche Themen, durch die der Leser etwas über die beiden Autoren erfährt, die über das bloße „Der kennt sich aber aus in der Weltpolitik“ hinausgehen, wodurch der Briefwechsel erst wirklich interessant wird. Die kleinen Anekdoten aus ihrem Leben am Rande einer langen Auseinandersetzung über die Finanzkrise wirken dann doch deutlich lebendiger, weil sie einem Leser Auster und Coetzee als Mensch näher bringen. Der Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern ist eine angenehm kurzweilige Darstellungsform zweier Großer ihrer Zunft. Hoffentlich kommt bald eine Fortsetzung (Logisch wäre: Briefe 2011-2014).
Foto:

Alles hat ein Ende

Der Sommer ist vorbei und bevor vermutlich morgen der erste Schnee fallen wird, will ich an dieser Stelle noch schnell ein paar Bücher vorstellen, die ich in den vergangenen Wochen gelesen habe. Eines davon war Gott schütze Amerika von Warren Ellis.

Ellis ist Autor von Drehbüchern fürs Fernsehen, von Videospielen und Graphic Novels. Auf der Rückseite des Romans steht „Mach dich bereit für einen wunderbaren Tritt in die Fresse!“ geschrieben. Gesagt hat das Brad Meltzer, der ebenfalls Autor ist. Auch er ist für die Comicbranche tätig und obwohl ich die Masche durchschaue, weiß ich um die Leistung beider Autoren. Mit Gott schütze Amerika hat Ellis einen dreckigen Detektivroman geschrieben, der total abnorm ist und mit allen Klischees des Genres spielt. Wer also einen gut strukturierten Krimi erwartet, dürfte hier enttäuscht werden. Das ist in etwa so, als würde man mit einer Folge CSI: Las Vegas rechnen und eine Folge Doctor Who gezeigt bekommen. Ellis’ Hauptfigur Michael McGill erhält den Auftrag, die „Geheime Verfassung des Landes“ zu finden. Mit ihrer Hilfe soll die Pornographisierung und der moralische Sittenverfall in Amerika aufgehalten werden. Nun ist es so, dass McGill ein Held alter Schule ist: ein bisschen verschroben, ordentlich beschädigt in allerlei vorstellbarer Hinsichten und – Achtung Klischee! – sich gerade so über Wasser halten kann. Ein Job von der amerikanischen Regierung bringt da natürlich den nötigen Haufen Kohle, durch den sich McGill ein für allemal zur Ruhe setzen könnte. Also legt er los. Er recherchiert, sucht und gerät dabei in Kontakt mit all den Abgründen, die die zu findende Zauberwaffe am Ende des Abenteuers ironischerweise eindämmen soll. Als Leser weiß man irgendwann gar nicht mehr so recht, ob man McGill Erfolg wünschen soll oder nicht. Denn die kaputte Welt scheint gar nicht so kaputt zu sein. Man spürt, dass Ellis Comicautor ist. Er schreibt derart dynamisch, dass man schon ein Vollhonk sein muss, um keine lebendigen Szenen vor dem geistigen Auge ablaufen zu sehen. Das hier ist natürlich keine großartige Weltliteratur, aber Unterhaltungsliteratur allererster Güte. Wendungsreich, witzig und wahnsinnig irre schildert Ellis die Odyssee seines Helden. Ach und noch was: Auch Liebe kommt in Gott schütze Amerika vor. Reichlich Liebe. Na, wenn das mal kein Grund ist, diesen Roman zu lesen.

Als Steve Tesich 1996 starb, war ich gerade mal 14 Jahre alt. In diesem Sommer habe ich seinen Erstling, Ein letzter Sommer, gelesen. Ab etwa Seite 50 hatte mich dieser knapp 500 Seiten dicke Roman, der die Zeit eines 17-Jährigen unmittelbar nach seinem High-School-Abschluss erzählt. Daniel Price heißt der junge Mann, den eine unheimliche Hassliebe mit seinem an Krebs erkrankten Vater verbindet, weshalb dieser auch irgendwann für einige Wochen ins Krankenhaus muss. Für Daniel beginnt eine Zeit ohne Last, eine, die noch schöner wird, als er ein junges Mädchen namens Rachel kennenlernt und sich in sie verliebt. Leider ist diese Liebe auf eine schmerzhafte Art einseitig und der Leser erfährt erst am Ende des Romans, warum Rachel sich Daniel nie ganz hingeben konnte oder wollte. Es ist auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren, die mich fortwährend an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Rachel ist rätselhaft, verhält sich unlogisch und offenbart dem wachen Leser schon sehr früh, dass da etwas nicht zu stimmen scheint. Nur Daniel will das nicht sehen. Er findet immer wieder offenbar schlüssige Erklärungen für all die Rätsel, vor die ihn dieses Mädchen stellt. Ich war dezent geschockt vom Ende und zugleich überrascht, wie lange Tesich es gelungen ist, auch vor mir den naheliegendsten aller Gründe geheim zu halten. Fuck. Was Tesich auch gelungen ist, ist es, diesen Roman mit so vielen wertvollen Dialogen und berührenden allgemeingültigen Sätzen zu spicken, dass mich nicht selten eine ordentliche Melancholie überfiel. Ein letzter Sommer befasst sich auf wundervolle Weise mit dem Erwachsenwerden, mit den Unwägbarkeiten einer Liebe, dem Wandel von Freundschaften, dem Zerfall einer Familie und Geheimnissen, die wir alle haben, aber von denen nur Wenige wissen.

Vor einiger Zeit habe ich den ersten Roman der James-Bond-Reihe gelesen, die vom Verlag Cross Cult neu herausgebracht wird. Statt mit Band 2 weiterzumachen, habe ich den vorletzten Roman der Fortsetzung dieser Reihe gelesen. Klingt kompliziert? Moment. Autor und Erfinder Ian Fleming lebt bekanntermaßen nicht mehr. Also haben dessen Nachfahren und Erben 2006 den britischen Autor Sebastian Faulks ausgewählt, eine offizielle Fortsetzung zu schreiben. Die Rechnung ging auf und sein Der Tod ist nur der Anfang war ein beachtlicher Erfolg. Faulks war nicht der erste Autor, dem diese Ehre zu Teil wurde: Schon 1968 durfte der britische Schriftsteller Amis Kingsley (mit dem Roman Colonel Sun) das Erbe Flemings antreten. Der aktuellste Autor, der die Bond-Reihe fortführt, ist William Boyd (mit Solo). Ich finde dieses ganze Drumherum mindestens genau so spannend, wie die Bond-Romane selbst. Mit Der Tod ist nur der Anfang ist Sebastian Faulks eine clevere Geschichte über den dienstältesten Geheimagenten der Welt gelungen. Ausgangspunkt ist Bond als übellauniger Antiheld, der seinen Job eigentlich an den Nagel hängen will. Den Ansatz, dass die Hauptfigur ein letztes Mal diesen oder jenen Job erledigt, bevor dann aber auch wirklich Schluss sein soll, kennt man aus anderen Genre-Erzählungen. Das ist nicht neu, aber bei aller Freude am Neuen: Ein Bond-Roman lebt nicht von erzählerischen Kniffen und noch nie da gewesenen Figurenkonstellationen. Für mich ist Der Tod ist nur der Anfang ein guter Bond-Roman, weil er die Figur in ein Setting setzt, das mir aus dem ersten Roman von Ian Fleming vertraut ist. Und das, obwohl zwischen beiden Romanen mehr als 50 Jahre liegen. Auch in Faulkners Bond-Geschichte gibt es den Bösen, die Schöne, den Bond-Helfer, eine abenteuerliche Jagd durch Europa und eine Hand voll spannender Wendungen. Mit einigen wird man rechnen, andere werden einen treffen, wie eine Kugel von hinten. Faulks Bond ist angenehm zurückhaltend cool und nicht ganz so Womanizer wie ihn Fleming sich erdacht hat. Das ist nicht schlimm, sondern macht Bond tatsächlich ein Stück weit interessanter – so wie alles Interesse weckt, das man unbedingt haben will, aber nicht sofort in die Finger bekommt. Wäre Faulks Roman ein Film, dann würde er vermutlich von schnellen Schnitten, schönen Schnitten und schnittigem Tempo leben. Also allen Zutaten, die James Bond zu der Figur machen, für die man sie entweder schätzt oder ablehnt.

Jetzt wird es wieder etwas gewichtiger, aber – keine Sorge – auch nicht wirklich zeigefingerernst. Paul Auster ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren. Das ist ein bisschen so wie mit der Musik der Stones: Man weiß, dass nur die früheren Sachen wirklich gut sind, feiert aber trotzdem auch jede Neuveröffentlichung. Von J. M. Coetzee, dem südafrikanischen Schriftsteller, hingegen kenne ich kein einziges Buch. Eine Veröffentlichung beider Autoren hat es nun aber geschafft, dass ich mich intensiver mit Coetzee befassen will. Von Hier nach Da heißt eine Sammlung von Briefen zwischen beiden Autoren, die von 2008 bis 2011 entstanden ist. Ich fand die Idee dieser Sammlung deshalb spannend, weil man nicht gezwungen ist, das Buch in einem Ruck wegzulesen, sondern verteilt über einige oder sogar sehr viele Tage immer einen kurzen Schlagabtausch zwischen den beiden Autoren verfolgen kann. Weil ich fast alle Romane von Auster kenne, war ich zu Anfang dieser Briefsammlung mehr auf seine Antworten fixiert. Coetzees Gedanken schienen nicht so sehr die meinen und waren überhaupt immer etwas schwerer zugänglich. Im Laufe der knapp 280 Seiten hat sich das allerdings geändert. In einem stetigen Hin und Her schwadronieren beide über Sport im Allgemeinen, Sport im Fernsehen, Erotik, die Finanzkrise, Kriege, andere Autoren und das eigene Wirken. Coetzee wurde zwei Mal mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet, auch den Literaturnobelpreis hat er schon erhalten. Vermutlich ist es aber so – und das behaupte ich jetzt, ohne es nachweisen zu können –, dass Paul Auster der kommerziell erfolgreichere Schriftsteller ist. Ein bisschen, so bilde ich mir ein, wirken Austers Briefe vielleicht auch deshalb immer so, als würde er zeigen wollen, Coetzee das Wasser reichen zu können. Ein Beispiel, das in dieser Form sehr häufig vorkommt: Auster lobt einen Film oder einen Roman, schwärmt in seinem Brief regelrecht davon. Coetzee aber reagiert zurückhaltend. Wenn er den Film oder das Buch kennt, ist sein Urteil darüber oftmals weit weniger schwärmerisch. Er findet immer etwas, das ihm nicht gefallen hat und begründet das auch überzeugend. Austers nächster Brief enthält dann wirklich immer eine Reaktion in der Art „Nein nein nein, da hast du mich falsch verstanden. Sooo gut fand ich X dann auch nicht. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass…“. Was Auster hingegen gut beherrscht, ist das greifbar Machen meist schwer zugänglicher Themen (Politik, Wirtschaft, …) mit Beispielen aus seinem Leben. Zugegeben: Schon allein weil sich zwei Autoren über die Themen unserer Zeit unterhalten, die gar nicht in Anspruch nehmen, auf allen Gebieten als Experten wahrgenommen zu werden, macht Von Hier nach Da zu einer lockeren Lektüre. Es gibt nichts, das man als Leser verstehen muss. Aber Coetzee und Auster schaffen es, dass man ihnen folgen will. Eines der spannendsten Themen der beiden ist deren Umgang mit technischen Errungenschaften (wie Computer und Handy) in ihren Romanen. Auster hat kein Problem damit und erklärt, dass er – soweit für die Geschichte notwendig – auch für die Leser selbstverständlich gewordenen Technologien in seinen Geschichten zur Verwendung kommen lässt. Coetzee verweigert sich diesem Umstand vollkommen und begründet das damit, dass ihm bei einem Gespräch via Handy oder Mail das für seine Figurencharakterisierung das Wichtigste überhaupt fehlen würde: die Möglichkeit der Mimik und Gestik, die beide miteinander kommunizierende Figuren bräuchten, um dem Leser greifbarer gemacht zu werden. Außerdem gibt Coetzee zu, sich nicht in zu vielen Details der Raumbeschreibung zu verlieren; er würde immer nur das beschreiben, was die Figur in der jeweiligen Situation benötigt. Bis zu dem Moment, an dem eine seiner Figuren in eine Schreibtischschublade greift, um z.B. einen Brief herauszuholen, wurde der Schreibtisch in dem betreffenden Raum nie erwähnt. Auster hingegen braucht solche Ankerpunkte in der räumlichen Beschreibung. Am Beispiel von Hänsel und Gretel und den ersten ein oder zwei Sätzen des Märchens schildern beide, welche Szene sie sich vorstellen. Während Austers Phantasie weit über die eigentliche Beschreibung hinausreicht (also bereits hinzugedichtet wird), ist Coetzees Vorstellung auf das schlichteste Szenario beschränkt. Am Ende sind es eher solche Themen, durch die der Leser etwas über die beiden Autoren erfährt, die über das bloße „Der kennt sich aber aus in der Weltpolitik“ hinausgehen, wodurch der Briefwechsel erst wirklich interessant wird. Die kleinen Anekdoten aus ihrem Leben am Rande einer langen Auseinandersetzung über die Finanzkrise wirken dann doch deutlich lebendiger, weil sie einem Leser Auster und Coetzee als Mensch näher bringen. Der Briefwechsel zwischen den beiden Schriftstellern ist eine angenehm kurzweilige Darstellungsform zweier Großer ihrer Zunft. Hoffentlich kommt bald eine Fortsetzung (Logisch wäre: Briefe 2011-2014).

Foto:

(Quelle: flickr.com, via autumncozy)

Aug. 19

Foto: Danny North
Schlechte Mischung
Also ich weiß ja nicht. Wenn ich Promotexte für zu besprechende Alben bekomme, in denen genau diese per se schon als “moderne Klassiker” bezeichnet werden, schießt mir immer etwas Magensäure die Speiseröhre nach oben. Und ja, das ist ein eher unangenehmes Erlebnis. Natürlich ist mir klar, dass getrommelt werden muss – der Künstler soll schließlich im bestmöglichen Licht präsentiert werden. Aber etwas Bescheidenheit stünde manchem Beitext ganz gut zu Gesicht.
Marlon Roudette trifft also keine Schuld. Sein neues Album Electric Soul einfach niederzuschreiben wäre daher unfair, aber vor allem schlicht ungerechtfertigt. Trotzdem: Dass der 31-jährige Singer/Songwriter, der mit Soul und Reggae aufgewachsen ist und durchaus verlässlich guten Soul-Pop hätte abliefern können, auf seinem neuen Album aber deutlich zu aufgeblähten Elektro-Soul abliefert, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Immerhin verspricht der Albumtitel genau das.

12 Songs lang ist Electric Soul geworden, aber gleich die ersten beiden Stücke America und Come along klingen wie schlechte B-Side-Tracks. Die bekannte Single When The Beat Drops Out verbreitet Sommerstimmung, krankt allerdings mittlerweile auch am nahenden Herbst. 
Your only love überrascht dann auch tatsächlich. Stimmlich erinnert Roudette hier an David Gray, der erst vor einigen Wochen sein großartiges neues Album Mutineers veröffentlicht hat. Überhaupt fällt hier auf, dass Roudette in den eher stilleren Songs bestens funktioniert: Hier wirkt er echt. Oder anders – hier wirkt er überhaupt.
Bei einigen Songs konkurriert er mit all dem Soundbombast und: verliert. Runaround ist ein solcher Track. Perfekt produziert, aber auch unangenehm kühl. Ähnlich streng und zusätzlich noch sexuell aufgeladen klingt Body Language. Der Beat ist hart, kalt und dominant. Das kann man mögen, aber mit Soul hat das – da sollte man sich nichts vormachen – nicht mehr viel am Hut.

Frank Ocean und The Weeknd nennt Roudette als modernere Einflüsse. Aber wer deren Musik kennt, wird schnell feststellen, dass vor allem der zuerst Genannte (bei allen Klangexperimenten) deutlich organischere und geerdetere Songs liefert.
Interessant ist auch, dass Roudettes Electric Soul einer klanglichen Vorstellung von “einer Art vornehmer Hochglanzdunkelheit” nahekommen soll; “eine in sich geschlossene Einheit samtener Mitternachts-Schwärze”. Wieder Formulierungen aus dem Promotext zum Album, die natürlich Werbung sein sollen, denen aber schon wenige Sätze später wiedersprochen wird. Da heißt es dann plötzlich, dass Electric Soul den “Schritt ins Licht; den neuen Morgen nach einer alles verzehrenden und turbulenten Nacht“ aufgreifen soll.
Produziert wurde Roudettes neues Album von Tim Bran und Roy Kerr, die bereits für das Debüt von London Grammar verantwortlich waren. Trotz optimaler Voraussetzungen kann Electric Soul nicht auf ganzer Linie überzeugen. Bedenkt man, dass alle Titel zunächst am Klavier entstanden sind, dann überrascht es nicht, dass die ruhigeren Stücke (u.a. In Luck, Hearts Pull) diejenigen sind, die tadellos funktionieren. Die Lösung für das nächste Album könnte daher lauten: Weniger Electric und mehr Soul.
Marlon RoudetteElectric SoulVÖ: 08. August 2014

Foto: Danny North

Schlechte Mischung

Also ich weiß ja nicht. Wenn ich Promotexte für zu besprechende Alben bekomme, in denen genau diese per se schon als “moderne Klassiker” bezeichnet werden, schießt mir immer etwas Magensäure die Speiseröhre nach oben. Und ja, das ist ein eher unangenehmes Erlebnis. Natürlich ist mir klar, dass getrommelt werden muss – der Künstler soll schließlich im bestmöglichen Licht präsentiert werden. Aber etwas Bescheidenheit stünde manchem Beitext ganz gut zu Gesicht.

Marlon Roudette trifft also keine Schuld. Sein neues Album Electric Soul einfach niederzuschreiben wäre daher unfair, aber vor allem schlicht ungerechtfertigt. Trotzdem: Dass der 31-jährige Singer/Songwriter, der mit Soul und Reggae aufgewachsen ist und durchaus verlässlich guten Soul-Pop hätte abliefern können, auf seinem neuen Album aber deutlich zu aufgeblähten Elektro-Soul abliefert, ist beim besten Willen nicht nachvollziehbar. Immerhin verspricht der Albumtitel genau das.

12 Songs lang ist Electric Soul geworden, aber gleich die ersten beiden Stücke America und Come along klingen wie schlechte B-Side-Tracks. Die bekannte Single When The Beat Drops Out verbreitet Sommerstimmung, krankt allerdings mittlerweile auch am nahenden Herbst. 

Your only love überrascht dann auch tatsächlich. Stimmlich erinnert Roudette hier an David Gray, der erst vor einigen Wochen sein großartiges neues Album Mutineers veröffentlicht hat. Überhaupt fällt hier auf, dass Roudette in den eher stilleren Songs bestens funktioniert: Hier wirkt er echt. Oder anders – hier wirkt er überhaupt.

Bei einigen Songs konkurriert er mit all dem Soundbombast und: verliert. Runaround ist ein solcher Track. Perfekt produziert, aber auch unangenehm kühl. Ähnlich streng und zusätzlich noch sexuell aufgeladen klingt Body Language. Der Beat ist hart, kalt und dominant. Das kann man mögen, aber mit Soul hat das – da sollte man sich nichts vormachen – nicht mehr viel am Hut.

Frank Ocean und The Weeknd nennt Roudette als modernere Einflüsse. Aber wer deren Musik kennt, wird schnell feststellen, dass vor allem der zuerst Genannte (bei allen Klangexperimenten) deutlich organischere und geerdetere Songs liefert.

Interessant ist auch, dass Roudettes Electric Soul einer klanglichen Vorstellung von “einer Art vornehmer Hochglanzdunkelheit” nahekommen soll; “eine in sich geschlossene Einheit samtener Mitternachts-Schwärze”. Wieder Formulierungen aus dem Promotext zum Album, die natürlich Werbung sein sollen, denen aber schon wenige Sätze später wiedersprochen wird. Da heißt es dann plötzlich, dass Electric Soul den “Schritt ins Licht; den neuen Morgen nach einer alles verzehrenden und turbulenten Nacht“ aufgreifen soll.

Produziert wurde Roudettes neues Album von Tim Bran und Roy Kerr, die bereits für das Debüt von London Grammar verantwortlich waren. Trotz optimaler Voraussetzungen kann Electric Soul nicht auf ganzer Linie überzeugen. Bedenkt man, dass alle Titel zunächst am Klavier entstanden sind, dann überrascht es nicht, dass die ruhigeren Stücke (u.a. In Luck, Hearts Pull) diejenigen sind, die tadellos funktionieren. Die Lösung für das nächste Album könnte daher lauten: Weniger Electric und mehr Soul.

Marlon Roudette
Electric Soul
VÖ: 08. August 2014