“So kurz hattest du deine Haare noch nie”, sagt mein Vater und streicht mir über die auf sechs Millimeter getrimmten Seiten meines Kopfes. Noch während ich ihm erkläre, dass ich die Haare seit etwa vier Monaten so trage, startet er den Motor des typischen Mittelklassekombis und sagt: “Da kannst du mal sehen, wie lange du schon nicht mehr hier warst.”
Ich frage ihn, was es Neues gibt aus der Heimat, während wir Ortschaften im Minutentakt durchqueren. Vorbei an Bergbauhalden, leicht verhügelten Landschaften, weiten Ackerlandschaften, vereinzelten Tankstellen und dem einen riesigen Badesee, der in diesem Jahr kaum besucht wurde. Ich bin wieder zu Hause und spüre, wie sich die Schlinge um meinen Hals immer enger zusammenzieht. Wir biegen ein in die Straße, in die ich 13 Jahre lang am Ende jedes Schultages zu Fuß, auf dem Rad oder in den letzten beiden Jahren meines Fachabiturs in einem roten Ford Fiesta sitzend eingelenkt habe. Mit mir haben sich auch die Häuser verändert, einen neuen Anstrich oder frische Blumen in die Vorgärten gepflanzt bekommen und doch hatte ich all die Jahre das Gefühl, dass die Menschen hinter den Hausmauern stets die gleichen geblieben sind.
Es reichen ein paar Worte aus, die man mit wem auch immer aus dieser Straße wechselt, und man fühlt sich in dieser Idee bestätigt. Es sind die immergleichen Phrasen, die immergleichen Schilderungen, Beschreibungen und Fragen zu dem was wie ist und dann lächelt man und nickt noch bevor man sich versieht, wird man vom jener Art Dorf-Modus beherrscht, der kein guter ist.
In einer der Hälften eines der vielen Zweifamilienreihenhauses stehe ich in einer Küche, begrüße meine Mutter, bekomme Kaffee, nehme mir ein Brötchen und das Nutellaglas. Später sitze ich mit ihr am neuen Küchentisch, der kleiner ist, weil er nur noch für zwei Menschen Platz bieten muss und nicht mehr für vier. Mutter erzählt von ihrer Arbeit mit den Kindern und ich denke an damals. An das, was andernorts mit mir gemacht wurde, streiche dick Nuss-Nougat-Creme auf eine Brötchenhälfte und kann es kaum schlucken, so zäh klebt die zerkaute Masse am Gaumen. Mit Kaffee spüle ich es herunter, während ich meiner Mutter noch immer lausche.
Etwa eine Stunde später gehe ich mit meinen Eltern zu einem meiner Großelternpaare. Dieses feiert heute 55. Hochzeitstag und ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage, ob ich das auch jemals schaffen werde. Wohl kaum. Ich bin 30 und müsste sofort auf dem Fleck weg heiraten, um mit 85 Jahren diesen Moment bei halbwegs klarem Verstand erleben zu können.
Drei Tanten, drei Onkels, meine Großeltern und ich sitzen an einem Tisch im großen Wohnzimmer. Das Essen liegt hinter uns, Alkohol gab es reichlich und es wird noch mehr geben. Meine Oma erzählt vom Essen vor 55 Jahren und dass sie gern Ananas und Kokosflocken gehabt hätte, diese aber auch nach einigen Telefonaten in den Westen nicht hat auftreiben können. Sie hatten nicht viel, aber sich. Und sich haben sie noch immer, während heutzutage viel zu schnell aufgegeben wird, weil die Welt voller Singles zu sein scheint und man immer und überall wieder neu instant-glücklich werden kann. So verspricht es einem die moderne Idee vom Liebesglück, die vollkommen außer Acht lässt, dass Liebe auch heißt, miteinander aneinander arbeiten zu wollen.
Meine Großeltern haben das begriffen und auch meine Eltern scheinen auf einem guten Weg dahin zu sein. In einigen Tagen werden sie in den Urlaub fliegen. Wieder erzählen beide von bisherigen Urlaubserfahrungen. Sie berichten von Eigenheiten wie der meines Vaters, der, vom Klima des fremden Landes, schon am frühen Nachmittag am Pool liegend vor sich hin schnarcht und von meiner Mutter erst mit Ellbogen wachgestoßen wird, nachdem sie sein Gesicht fotografiert hat. Oder meiner Mutter, die schon gegen 7 Uhr am Morgen wach wird und noch vor 9 Uhr ihre ersten Bahnen im Meer geschwommen ist und meinen Vater dabei weit hinter sich lässt. Immer wieder. Mein Vater kommt nicht gut dabei weg, aber das ist egal: Beide genießen sich noch immer, wissen, was sie aneinander haben und lieben sich derart unkitschig innig, dass es mir manchmal Angst macht, weil ich mir denke, dass ich das unmöglich auch schaffen kann mit irgendeiner Frau dort draußen.
Es gibt keine Pointe, keinen einzigen klugen Satz, den ich an diesem Abend mitnehme und in ein Weisheitenbuch schreiben könnte. Ich trinke eine Flasche Rotwein allein leer, dazu verschiedene eiskalte Schnäpse, die mich irgendwann erkennen lassen: Eigentlich geht es mir gut. Viele Freunde in meinem Alter mussten plötzlich im Alter von 16 oder 17 Jahren damit klarkommen, dass sich ihre Eltern getrennt haben. Während meiner gesamten Studiumszeit habe ich mehr Scheidungskinder kennengelernt als Kinder, die noch immer Teil einer funktionierenden Elternbeziehung sind.
Alles ist gut. Gerade habe ich vielleicht nicht viel, aber immerhin gute Vorbilder, die mir unaufgeregt und frei jeglicher Nerverei eine Form von Liebe präsentieren, für die ich nur neidlos anerkennen kann: Das will ich auch irgendwann mal haben, bitte.
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