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  • I Don't Eat Human Beings (2008)John Maus

«Klar bin ich ein Hipster!», sagt John Maus. Und wem es beim Lesen des Namens gerade so geht wie mir vor noch etwa einer Woche, der soll hier erfahren, wer dieser Maus ist. Dieser John also, der auch gesagt hat «Nirvana und Radiohead, das waren Götter in den 90ern. Aber müssen Götter nicht gestürzt werden?» Damit wird sich der selbsternannte Hipster, der gar nicht wie einer aussieht, vermutlich viele Feinde machen.

Obwohl er die ohnehin längst hat. Maus ist 32, Doktor der Philosophie, hat genau das nach seinem Studium an der Universität von Hawaii sogar unterrichtet und war Keyboarder bei Panda Bear, Holy Shit! und Animal Collective. So lange, bis er angefangen hat, vollkommen allein Musik zu machen. 2006 ist sein erstes Album (Songs) erschienen, ein Jahr später das nächste (Love Is Real) und 2011 dann das bis heute aktuellste (We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves). In der vergangenen Woche ist nun eine “Art Best of” bisher unveröffentlichten Materials erschienen. (Warum es sich um kein übliches Best of handelt, wird im Kommentarbereich erklärt.)

John Maus liebt es mit Klängen und vor sich hinwabbernden Soundteppichen zu experimentieren. Das macht seine Musik zunächst vermutlich verdammt gewöhnungsbedürftig und man dürfte sich einige Male dabei erwischen, das betreffende Abspielgerät irritiert zu schütteln oder gar davor zu treten. Die eine oder andere Spur darf schon mal leiern, während schräge Beats und avantgardistische Synthietöne das Keyboard verlassen. Dazu singt Maus, dessen Stimme manchmal klingt, als kämpfe sie damit, Zelophan zu durchdringen.

Die 16 Lieder auf A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material haben häufig Hymnencharakter, erinnern an Synthiepop-Songs (die man früher vermutlich grausig fand, aber hier, Leute, hier ergibt das alles plötzlich Sinn!). Der Anfang von I Don’t Eat Human Beings wirkt als hätte Maus eine sich verbeugende Schablone auf Alphavilles Forever Young gelegt.

Und doch: Viele seiner Titel bergen auch ein unfassbares Chaospotential in sich. Lost etwa klingt vollkommen irre, der Stimmung angemessen zwar, aber eben doch scheinbar ohne jede Struktur. Fast, als hätte ich mich, bar meiner Unkenntnis was deren Bedienung betrifft, vor irgendwelche Keyboards gesetzt und wild drauf losgesponnen, dabei Tasten gedrückt und Regler geschoben, als wollte ich mal sehen wie bekloppt ich mich bei dieser One-Man-Show so geben kann.

Überhaupt ist die Musik, die Maus zurechttüftelt nichts für jene, bei denen Songs sofort funktionieren müssen, um sie zu mögen. In Amerika etwa gab es zu seiner Musik unter anderem zu lesen, dass sich sein Gesang anhört, als würde «der Mann aus dem Mund kacken». Und obwohl sein drittes Album im gelobten Musikland viel Kritikerlob erhielt, war es dennoch kein Massenerfolg. Maus selbst sagt dazu, dass er manchmal den Eindruck hat, dass ihn sein Publikum «nicht versteht oder nicht verstehen will». In Deutschland sei das anders, erklärt er weiter in der August-Ausgabe des Musikexpress. Weil die Deutschen so anspruchsvoll seien, hätte er eher Angst davor, «den hohen Erwartungen nicht gerecht zu werden».

Man muss Maus schon einige Chancen geben, bis man anfängt, diesen sonderbaren Klangkosmos zu verstehen. Ist man erst einmal darin versunken, will man so schnell nicht mehr raus. Es gibt harmonische Soundflächen, die an jene der ersten Coldplay-Alben erinnern, bis irgendwas daraus wird, das in seiner Kälte und dominant-düsteren Haltung an funkelnde Depeche-Mode-Songs erinnert.

Müsste ich einen aktuellen Musiker zum Vergleich heranziehen, dann wäre es noch am ehesten der Musiker Ben Garrett, der hinter dem Projekt Fryars steckt. Wobei selbst jener Jungspund (Ich glaube, Garrett ist 23 Jahre alt.) nicht den Mut oder die Kreativität zu so viel Chaos in sich birgt. Dessen 80er-Hommage-Popwave-Songs sind allesamt artig durchstrukturiert, ohne irgendwo auch nur ansatzweise aus dem festen Muster auszubrechen.

Bei Maus hingegen schimmert hier und da auch Pink-Floydscher Wahnwitz durch, in einigen seiner Stücke sampelt er Musik von Händel oder andere klassische Musik. Diese muss man nicht kennen. Man fühlt sich nicht dumm, wenn man nicht weiß, wen Maus gerade womit zitiert. Aber: Der Typ ist mit einem Musikwissen und einer Leidenschaft gesegnet, die seines Gleichen sucht. Und das spürt man bei jedem Ton. Vergesst Alice! Das Wunderland, in das John Maus einen hinabzieht, ist wie der Blick durch eines dieser Schüttelkaleidoskope: Beim nächsten Mal kann schon alles anders aussehen.

Musikjournalisten kann Maus übrigens nicht leiden, weil diese nur auf Kleidung, Schmuck und Texte achten, nicht aber auf die Songstrukturen - das also, was die Botschaft der Musik noch vor dem meist leicht zu erschließenden Text transportiert. Die Musikstücke, die Maus geschaffen hat, dürften die Aufmerksamkeit von so manchem Musikjournalisten dahin lenken, wo Maus sie haben will - auf den Song als Kunstobjekt.

John Maus
A Collection Of Rarities And Previously Unreleased Material
VÖ: 13. Juli 2012 

    • #John Maus
    • #Pop
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