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"Er hat ja durchaus ein Händchen für Popsongs"

  • Silvereisen: Puh. 79 MINUTEN!!!
  • Dexter: Schön, nicht wahr? Da hat man was für sein Geld.
  • Silvereisen: Ja, ganz zauberhaft.
  • Dexter: Hast du es geschafft, das Poisel-Livealbum ganz anzuhören? Im Sinne von "es überlebt"?!
  • Silvereisen: 70%... bei manchen Songs habe ich geskippt.. der Mann dehnt die Songs ja auf 8 Minuten aus. Und wenn keine neuen Infos zu erwarten waren - zack, nächstes!
  • Dexter: Und er leidet, Vince. Er leidet. Aber erstmal das noch schnell: Es liegt einige Zeit zurück, da hast du auf deinem Blog über Clueso geschimpft. Ist Poisel das gleiche Kaliber für dich? Gelten vermutlich beide als Singer/Songwriter und sogenannte Schmusibusi-Typen.
  • Silvereisen: Nein. Poisel ist viel schlimmer.
  • Dexter: Weil?
  • Silvereisen: Clueso ist eher so der nichtssagende Surferboy aus der Reihenhaussiedlung. Der ist zu glatt, um ihn wirklich zu hassen. Aber Poisel.
  • Dexter: Den kannst du hassen? Vermutlich so richtig.
  • Silvereisen: Eine Mischung aus Mitleid und Verachtung. Wie das dicke, traurige Kind im Sportunterricht. Das fängt ja schon bei dieser tränenerstickten Stimme an!
  • Dexter: Moment! Da will ich gern was zu sagen: Okay, seine Stimme ist das, was mich schon immer ein bisschen nervt. Manchmal frag ich mich, ob der auch so klingt, wenn er normal spricht. Poisel nuschelt, hört sich an, als hätte er eine heiße Kartoffel im Mund und knödelt ziemlich rum. Trotzdem ist es noch im Bereich des Ertragbaren. Es fällt halt auf. Es ist ähnlich wie Grönemeyer oder Lindenberg. Die haben ja auch nicht gerade die angenehmsten Singstimmen.
  • Silvereisen: Erstmal klingt es, als hätte er 'ne Gaumenspalte. Oder die Haftcreme hat versagt... so'n bisschen wie Inge Meysel. Aber das Schlimmste ist diese Stimmlage kurz vorm Überkippen in den Weinkrampf. ÜBER 80 MINUTEN!!
  • Dexter: Also die Stimme geht für dich gar nicht, selbst wenn sie im Vergleich zu anderen Sängern (siehe den oben genannten) ähnlich "eigentümlich" klingt?
  • Silvereisen: Eigentümlich ist in diesem Fall ein Euphemismus für nervtötend.
  • Dexter: Du kennst mich - ich bin stets höflich. Aber weiter: Es ist ein Live-Album. Ganz kurz zu Livealben allgemein: Braucht man die? Ich muss gestehen, ich habe nur drei und kann meist damit nicht viel anfangen. Mich nervt einfach das Publikum. Live-Alben ohne Publikum - das wär's!
  • Silvereisen: Live-Alben sind super. Schon alleine deswegen, weil a) die Bands meistens schneller und härter spielen als auf dem Studioalbum und b) die Reaktionen des Publikums absolut großartig ausfallen können... Sing-a-Longs etc. Die Ramones, Queen und viele andere haben großartige Liveplatten rausgetan. Allerdings brauchten die auch nicht rund um die Uhr ein Kleenex, um den Tränenkanal abzudichten, wie der Kollege Poisel.
  • Dexter: Dafür lauscht das Publikum auch recht andächtig. "Projekt Seerosenteich" hat ja auch eher einen Akustik- oder Unplugged-Charakter. Selbst wenn das Publikum jubelt, kreischt oder ähnliches, dann tut es das meist erst am Ende der Lieder. Da singt auch niemand mit, gröhlt rein oder so. Find ich jut.
  • Silvereisen: Das Publikum wird ja selber am besten wissen, warum es anwesend ist. Die sind ja bestimmt größtenteils volljährig. Aber dennoch wirkt das für mich nicht wie ein intimes, intensives Konzert, sondern eher wie eine Gruppensitzung. Und der ganz vorne heult knapp 1,5 Stunden, weil ihm die Olle abgehauen ist. Wer's mag. Ein gutes Bespiel für das von Dir beschriebene Erlebnis ist in meinen Augen die Unplugged-Platte von Jupiter Jones. Aber die spielen natürlich auch in einer ganz anderen Liga.
  • Dexter: Womit wir auch Poisels beliebtestes Song-Thema ("...weil ihm die Olle abgehauen ist..") abgearbeitet hätten. Mehr scheint er tatsächlich nicht erzählen zu wollen. Vielleicht hier und da ein Lied über gute Momente in einer Beziehung, aber meist wird doch Trennungsschmerz verarbeitet. Mal so dazwischen gefragt: "Zünde alle Feuer" (Der Titel über dem Dialog., Anm. d. Red.) - Wie findest du das? Gesungen, eingespielt und was dir sonst dazu ein- bzw. daran auffällt?
  • Silvereisen: Das war so ein 8 Minuten-Epos. Warte, ich muss noch mal kurz reinhören. ... Das Intro ist schon mal viel zu lang.
  • Dexter: Aber es ist live. Da kann man das machen, find ich. Vor allem, wenn man die Stücke anders bringen will, als sie die Konzertbesucher vom Studioalbum kennen.
  • Silvereisen: "Ich lieb Dich 1-2-3" - Kracher.
  • Dexter: Dachte ich auch, aber solche Reime gibt's bestimmt auch vom Udo.
  • Silvereisen: "Plauder auf mich ein" ist ein Grönemeyer-Zitat.
  • Dexter: Poisel wurde ja mehr oder weniger von Grönemeyer "entdeckt", ist bei dessen Plattenfirma unter Vertrag. Ich nehme an, da darf er das.
  • Silvereisen: Der Off-Beat ist ganz nett. Wahrscheinlich ist das tanzbar. Mit all den funky Synthie-Teppichen etc. Die Harmonien sind ja generell nicht sein Problem. Er hat ja durchaus ein Händchen für Popsongs.
  • Dexter: Ich hab es ausgesucht, weil ich es - kann man das sagen? - als das rockigste aller Stück empfinde. Im Vergleich zum Rest haben Schlagzeuger und Gitarrist hier mal etwas zu tun.
  • Silvereisen: Wie bitter, wenn man eines Tages auf sein Lebenswerk blickt und dann so ein Song als rockigstes aller Stücke gelten muss... Die Gitarrenlinie ist übrigens von The Cure geborgt.
  • Dexter: Hast du schön erkannt.
  • Silvereisen: Tiptop-Poisel-Bilanz: Texte von Grönemeyer, Gitarre von Robert Smith.
  • Dexter: Generell: Findest du es schwierig in deutscher Sprache über Themen wie Liebe und Herzschmerz zu singen, weil die Gefahr groß ist, dass am Ende ja doch peinlich wird?
  • Silvereisen: Nö. Ich finde es schwierig, gut über Liebe etc. zu singen... Jupiter Jones können das. Grönemeyer kann das. Lindenberg konnte das. Muff Potter konnten das. Funny van Dannen kann das. Poisel kann es nicht. Das ist alles zu dick aufgetragen. Man ist versucht ihm ein Eis zu kaufen und ihm beschwichtigend auf die Schulter zu klopfen... "Nun reg Dich mal wieder ab, Kleiner."
  • Dexter: Ich wollte dich gerade bitten, drei Fazit-Sätze zu diesem Album loszuwerden. Aber nicht ohne noch mal draufhinzuweisen, wie oft du dir das Album angehört hast. Dann bist du befreit und kannst weiter GTA spielen.
  • Silvereisen: Musikalisch gibts nichts dran auszusetzen. Das ist gut arrangiert, und sauber gespielt. Lyrisch ist es mir deutlich zu einfältig und eindimensional. Der Typ mutiert zum Reinhard Mey 2.0: Immer nur die eigene Nabelschau und das Private zu thematisieren, ist mir schlicht zu wenig... Wobei ich ihn jetzt auch sprachlich nicht über Schlagerniveau ansiedeln würde. Und schlußendlich: Die Art zu singen macht mich wahnsinnig - da muss man wahrscheinlich wirklich ein sehr toleranter Mensch sein. Ich hab das Album anderthalb mal gehört. Und ich glaube, das reicht auch. Ich werd nicht viel Geld in seinem Webshop ausgeben müssen.
  • Dexter: Neue Fans wird Poisel damit sicher auch generell nicht erreichen, das ist ja auch nicht das Ziel von Live-Alben. Ein Poisel-Album ist wie der Beginn des letzte Drittels eines tragischen Liebesfilms, wenn alles vorm guten Ende doch irgendwie schlimm auszugehen droht. Mit dem Unterschied: Der Film kriegt eben die Kurve und endet gut, das Paar ist glücklich, alles wunderbar. Philipp weint 80 Minuten lang. Das ist zwar schön musiziert und manchen der Songs hört man vielleicht sogar für sich genommen ab und zu mal an, aber nicht das ganze Album am Stück. Dieses Wehleidige auf Albumlänge ist zu viel vom Traurigsein.
  • Silvereisen: Das ist sehr diplomatisch formuliert.
  • Dexter: Du kennst mich: Ich bin da sehr diplomatisch. Die Pädagogik- und Kunst-Studentinnen im ersten Semester werden sich vermutlich sehr über dieses Poisel-Album freuen.
  • Silvereisen: Darf ich mal kurz ein Platte für alle unglücklich Verliebten empfehlen, die in einer Note mehr Soul hat als das gesamte bisherige Schaffen des kleinen Philip?
  • Dexter: Tu das.
  • Silvereisen: Kauft Euch Ryan Adams' "Love is Hell" Pt.I & II. Das ist echter Herzschmerz.
  • Dexter: Stehen beide hier. Furchtbar gut! Aber Liebe ist ja auch die Hölle und kein Seerosenteich.
  • Silvereisen: Wem sagst Du das, teurer Freund...
    • #Philipp Poisel
    • #Projekt Seerosenteich
    • #Live
    • #Udo Lindenberg
    • #Herbert Grönemeyer
    • #Ryan Adams
    • #Album
    • #Pop
  • Vor 9 Monaten
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