1. Vor vier Tagen brachte ich sie etwa sechs Uhr früh zum Flughafen. Sobald ihre Maschine gegen gewaltige Luftmassen kämpfen und sich emporheben würde, wäre diese Geschichte zu Ende. Das wussten wir beide, das lasen wir in unseren Augen, ohne dass es der eine dem anderen überhaupt sagen musste. Die Nacht zuvor war nicht an Schlaf zu denken. Wir lagen Arm in Arm auf dem Boden. Wir hatten ein letztes Mal Sex gehabt. Uns ein letztes Mal dabei in die Augen gesehen. Noch immer lag ihr Kopf auf meiner linken Brust und lauschte meinem wilden Herzschlag, der nur ihretwegen schaffte, dass ich mich seit langem endlich wieder lebendig fühlte. Marie stammte aus Südfrankreich, war nur zu Besuch in dieser Stadt. Wir lernten uns kennen auf der Party einer gemeinsamen Freundin und ich konnte nicht anders, als diese Frau anzuschauen, von dem Moment an, als ich die Wohnung betrat. Sie hatte grüne Augen, braunes schulterlanges Haar, ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen und Lippen, so schön, dass ich mich anfangs nicht traute, sie zu küssen. Später erfuhr ich, dass sie neben ihrem Studium als Model arbeitet und da bekam ich gehörig Respekt vor ihr und meinem schwankenden Selbstbewusstsein. Seitdem waren neun Tage vergangen und wir hatten gefickt, als würde die Welt bald untergehen. Zwischen verklebten Bettlaken waren wir oft eingeschlafen, Haut an Haut, in einem Zimmer, das auch am nächsten Morgen noch nach Sex roch. “Pass auf dein Herz auf”, hatte Marie zum Abschied geflüstert, als sie sich zu mir beugte, mir dabei in die Augen schaute, mit ihrer rechten Hand das Haar auf meinem Hinterkopf kraulte, mich sacht zu sich zog und ein letztes Mal küsste. Dann sah ich sie verschwinden und ich starrte durch das riesige Fenster auf das Flugzeug, in dem sie irgendwo saß und vielleicht nach mir sah. Als der Metallvogel abhob, nahm er einen Großteil der Schwere mit sich, die sich in den vergangenen Monaten in mir ausgebreitet hatte. “Pass auf dein Herz auf und denk dich nicht schlecht. Das bist du nicht”, hallten Maries letzte Worte in ihrem französischen Akzent durch meinen Kopf, während ich in der S-Bahn saß, die mich zurück in meine Wohnung fuhr, in der sie mir ein Andenken hinterlassen hatte, das mich lächelnd auf die Matratze sinken ließ, die noch nach ihr, mir und uns roch. Ich weinte still und schlief schnell ein.

    1. von agentdexter gepostet

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