1. Draufhauen, aufbauen!
Manche dort draußen glauben tatsächlich, ich würde gute neue Musik auf gar keinen Fall übersehen. Im zurückliegenden Jahr muss aber einiges schief gelaufen sein, denn ich habe sowohl die Singles Brighter, Lust and Lies und Tokyo von The Ramona Flowers überhört. Oder vielmehr: nicht zu hören bekommen – was eine ziemliche Schande ist. Denn die Band, die sich nach einer der Figuren aus dem Film Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt benannt hat, erntet für ihr neues Album Dismantle And Rebuild Lob ohne Ende.

Da ist der britische NME, der dazu sagt „A wholly different beast, and one that could have feasibly fitted on Radiohead’s Kid A“ oder der Guardian, der es noch schneller auf den Punkt bringt mit „Hugeness may be imminent“. Und glaubt mir, die Zitatenliste auf meinem Schreibtisch gäbe noch einiges mehr her. Aber dann könnte ich es ja auch gleich lassen, meine Meinung darüber in dieses Internet zu tippen.Die Jungs, die hinter The Ramona Flowers stehen, kommen aus Bristol. Und tatsächlich: Soundtechnisch und vor allem gesanglich scheint es, als hätte man sich hier und da an Radiohead bzw. dessen Frontmann Thom York orientiert. Aber – und das ist gut – nicht nur. Auch die Dramatik des U2-Frontmanns Bono steckt bereits in der DNS dieser Debütanten.
Unter der Leitung von Andy Barlow (eine Hälfte des Trip-Hop-Duos Lamb) ist dabei ein erstaunlich vielfältiges Alternativ-Pop-Album entstanden, das alles erreicht, was ein Erstling nur erreichen kann. Dismantle and Rebuild ist aufregend, wüst, still, stürmisch, chaotisch und überlebensgroß.

Tokyo ist das Monster, das dich nicht mehr loslässt, wenn du dich einmal von ihm hast umrennen lassen. Brighter beginnt finsterer, als es auf dem Dachboden eurer Eltern war und wendet sich doch schon nach wenigen Sekunden mit dem Gesang von Frontmann Steve Bird gen Licht. Modern World erinnert in Sachen Geradlinigkeit, Melodiestruktur und Coolness an New Order.
The Ramona Flowers spielen mit den Erwartungen, überraschen mit wendungsreichen Kompositionen und überzeugen mit einem Sound, der auch bei Foxes, dem Bombay Bicycle Club, Hot Chip, Alt-J oder Ladytron einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. So sehr, dass TRF bereits Support-Act einiger dieser Bands waren oder mit einem Remix von einem ihrer Songs geehrt wurden.

In ihren besten Momenten sind die Jungs aus Bristol episch und bauen in weniger als fünf Minuten eine Klangwelt auf, die mitreißt. Trotz der vielen Zitierungen eigener musikalischer Vorbilder versteht es die Band, eigene Merkmale in die Waagschale zu werfen. 11 Songs, knapp 50 Minuten Spielzeit und das Gefühl, über sich hinauswachsen zu können, wann immer man dieses Album hört. Besser kann man sich gar nicht wieder zusammenbauen lassen.
The Ramona FlowersDismantle and RebuildVÖ: 18. Juli 2014

    Draufhauen, aufbauen!

    Manche dort draußen glauben tatsächlich, ich würde gute neue Musik auf gar keinen Fall übersehen. Im zurückliegenden Jahr muss aber einiges schief gelaufen sein, denn ich habe sowohl die Singles Brighter, Lust and Lies und Tokyo von The Ramona Flowers überhört. Oder vielmehr: nicht zu hören bekommen – was eine ziemliche Schande ist. Denn die Band, die sich nach einer der Figuren aus dem Film Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt benannt hat, erntet für ihr neues Album Dismantle And Rebuild Lob ohne Ende.

    Da ist der britische NME, der dazu sagt „A wholly different beast, and one that could have feasibly fitted on Radiohead’s Kid A“ oder der Guardian, der es noch schneller auf den Punkt bringt mit „Hugeness may be imminent“. Und glaubt mir, die Zitatenliste auf meinem Schreibtisch gäbe noch einiges mehr her. Aber dann könnte ich es ja auch gleich lassen, meine Meinung darüber in dieses Internet zu tippen.

    Die Jungs, die hinter The Ramona Flowers stehen, kommen aus Bristol. Und tatsächlich: Soundtechnisch und vor allem gesanglich scheint es, als hätte man sich hier und da an Radiohead bzw. dessen Frontmann Thom York orientiert. Aber – und das ist gut – nicht nur. Auch die Dramatik des U2-Frontmanns Bono steckt bereits in der DNS dieser Debütanten.

    Unter der Leitung von Andy Barlow (eine Hälfte des Trip-Hop-Duos Lamb) ist dabei ein erstaunlich vielfältiges Alternativ-Pop-Album entstanden, das alles erreicht, was ein Erstling nur erreichen kann. Dismantle and Rebuild ist aufregend, wüst, still, stürmisch, chaotisch und überlebensgroß.

    Tokyo ist das Monster, das dich nicht mehr loslässt, wenn du dich einmal von ihm hast umrennen lassen. Brighter beginnt finsterer, als es auf dem Dachboden eurer Eltern war und wendet sich doch schon nach wenigen Sekunden mit dem Gesang von Frontmann Steve Bird gen Licht. Modern World erinnert in Sachen Geradlinigkeit, Melodiestruktur und Coolness an New Order.

    The Ramona Flowers spielen mit den Erwartungen, überraschen mit wendungsreichen Kompositionen und überzeugen mit einem Sound, der auch bei Foxes, dem Bombay Bicycle Club, Hot Chip, Alt-J oder Ladytron einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. So sehr, dass TRF bereits Support-Act einiger dieser Bands waren oder mit einem Remix von einem ihrer Songs geehrt wurden.

    In ihren besten Momenten sind die Jungs aus Bristol episch und bauen in weniger als fünf Minuten eine Klangwelt auf, die mitreißt. Trotz der vielen Zitierungen eigener musikalischer Vorbilder versteht es die Band, eigene Merkmale in die Waagschale zu werfen. 11 Songs, knapp 50 Minuten Spielzeit und das Gefühl, über sich hinauswachsen zu können, wann immer man dieses Album hört. Besser kann man sich gar nicht wieder zusammenbauen lassen.

    The Ramona Flowers
    Dismantle and Rebuild
    VÖ: 18. Juli 2014

  2. Einfach mal kennenlernen
Zugegeben, mittlerweile trinke ich lieber Wein statt Bier. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, zum Rotz-Rock von The Boys You Know über eine eskalierende Studentenparty zu torkeln. „Rotz-Rock“ sage ich deshalb, weil das hoffentlich einigermaßen deutlich macht, wie lässig die 2012 in Österreich gegründete Band klingt.
Die Musik der Eine-Frau-drei-Kerle-Kombi macht einfach unfassbar viel Spaß. Als ich das Album zur Besprechung bekam, lag es erst einige Tage ungehört im Regal, bis ich es nach erstmaligem Hören immer wieder anwarf. Ein bisschen Smashing Pumpkins, hier und da grinsen Weezer durch die Gitarrenmelodien und manchmal schleichen sich sogar die Lemonheads in die Stücke des neuen Albums Purpe Lips. Also noch mal: Dieses anzuhören, macht unglaublich viel Spaß!

Und das eigentlich Erstaunliche ist doch, dass die Band unmittelbar um die Ecke wohnt und es sich dabei nicht um irgendwelche Newcomer aus Brooklyn handelt, die von der New Yorker Hippster-Kultur hochgeschrieben werden. Nein, The Boy You Know gibt es schon einige Zeit. Zumindest so lange, dass nun deren zweites Hauptwerk veröffentlich wurde.
Purple Lips ist süffig, aber ohne seltsamen Nachgeschmack. Zeitgemäß, ohne sich an den Geschmack der Masse anzubiedern. Hart, ohne brutal zu sein und verträumt, ohne zu sehr in Kitsch zu schwelgen. Im Mittelpunkt aller 13 Stücke stehen die Gitarren und nie, wirklich nie, wird einem dabei langweilig, den Songs von The Boys You Know zu lauschen. Ob das große Wax, das mächtige Omar oder das schmeichelnde Cover me – hier wird Überzeugung auf Albumlänge geleistet.
Purple Lips ist ein verdammt gutes Alternative-Rock-Album geworden, für das ich mir gern meine Haare wieder etwas wachsen lasse. Zumindest so lange, bis ich wieder einen Abend lang nur Frank Sinatra höre und das Gefühl habe, dass die Haare ab müssen. Aber jetzt heißt es erstmal: weiter durch die Bude dieser Studentenparty torkeln. 
The Boys You KnowPurple LipsVÖ: 16. Mai 2014

    Einfach mal kennenlernen

    Zugegeben, mittlerweile trinke ich lieber Wein statt Bier. Trotzdem kann ich mir gut vorstellen, zum Rotz-Rock von The Boys You Know über eine eskalierende Studentenparty zu torkeln. „Rotz-Rock“ sage ich deshalb, weil das hoffentlich einigermaßen deutlich macht, wie lässig die 2012 in Österreich gegründete Band klingt.

    Die Musik der Eine-Frau-drei-Kerle-Kombi macht einfach unfassbar viel Spaß. Als ich das Album zur Besprechung bekam, lag es erst einige Tage ungehört im Regal, bis ich es nach erstmaligem Hören immer wieder anwarf. Ein bisschen Smashing Pumpkins, hier und da grinsen Weezer durch die Gitarrenmelodien und manchmal schleichen sich sogar die Lemonheads in die Stücke des neuen Albums Purpe Lips. Also noch mal: Dieses anzuhören, macht unglaublich viel Spaß!

    Und das eigentlich Erstaunliche ist doch, dass die Band unmittelbar um die Ecke wohnt und es sich dabei nicht um irgendwelche Newcomer aus Brooklyn handelt, die von der New Yorker Hippster-Kultur hochgeschrieben werden. Nein, The Boy You Know gibt es schon einige Zeit. Zumindest so lange, dass nun deren zweites Hauptwerk veröffentlich wurde.

    Purple Lips ist süffig, aber ohne seltsamen Nachgeschmack. Zeitgemäß, ohne sich an den Geschmack der Masse anzubiedern. Hart, ohne brutal zu sein und verträumt, ohne zu sehr in Kitsch zu schwelgen. Im Mittelpunkt aller 13 Stücke stehen die Gitarren und nie, wirklich nie, wird einem dabei langweilig, den Songs von The Boys You Know zu lauschen. Ob das große Wax, das mächtige Omar oder das schmeichelnde Cover me – hier wird Überzeugung auf Albumlänge geleistet.

    Purple Lips ist ein verdammt gutes Alternative-Rock-Album geworden, für das ich mir gern meine Haare wieder etwas wachsen lasse. Zumindest so lange, bis ich wieder einen Abend lang nur Frank Sinatra höre und das Gefühl habe, dass die Haare ab müssen. Aber jetzt heißt es erstmal: weiter durch die Bude dieser Studentenparty torkeln. 

    The Boys You Know
    Purple Lips
    VÖ: 16. Mai 2014

  3. Das hier ist kein Spaßalbum!
Das große Jammern, ganz viel Pathos, dieses bittere Leiden, diese Zerrissenheit und der unendliche Kummer, der sich in einem breit macht – ja, ich mag alles das in der Musik. Und ich mag es, das vermittelt zu bekommen, mich verstanden und gut aufgehoben zu fühlen.
Das unbetitelte Debütalbum (2008) von Glasvegas ist ein Meisterwerk dieses ganz speziellen Fachs. Euphoric/// Heartbreak\\ (2011) versuchte dann im Prozess der Weiterentwicklung sich davon zu emanzipieren – scheiterte jedoch vor allem an zu hoch gesteckten Zielen. Und jetzt? Seit einigen Tagen ist das dritte Album der schottischen Rock-Band auf dem Markt. Es heißt Later…When The TV Turns To Static.

Was hatte ich mich auf dieses Album gefreut – was wurde ich enttäuscht. Fangen wir mal an mit James Allan. Der Frontmann hat einen markanten Dialekt und eine noch markantere Stimme, die bisher dafür gesorgt hat, dass mir nicht auffiel, was dieses Album beeindruckend zu Tage fördert: Allan rollt das R so schrecklich oft und tut das in einer Art, die klingt, als hätte er beim Singen eine heiße Kartoffel im Mund. Zeitweilig macht es wirklich keinen Spaß, diesen knapp 45 Minuten zu lauschen.
Dann die gesamte Instrumentalisierung durch die übrigen drei Bandmitglieder: Überlebensgroß soll alles klingen. Obwohl – eigentlich überlebensgrößer. Da ist von allem zu viel, zitternde Gitarren, dieser leichte Hall, der jedes Instrument trägt, als würde die Band vom Himmel herunter spielen und kaum der Versuch, überhaupt auch mal nur einen Gang zurückzuschalten. Das ist oft irre grenzwertig und schafft, dass ich mich frage, ob Glasvegas das ernst meinen. Natürlich tun sie das. Later…When The TV Turns To Static ist ja kein Spaßalbum! Es wird gelitten – kitschig und auf gefährlich schmierigem Niveau. 
Die englische Presse feiert das Album derweil, wie die Zitate-Sammlung auf der Homepage der Band beweist. Vielleicht ist genau das mein Problem: Vielleicht geht mir keiner ab, weil ich weder Brite noch Schotte bin. Vielleicht passt das Album aber auch erst, wenn draußen Schnee liegt. Vielleicht funktioniert es live sogar sehr gut. Vielleicht lässt Allan seinen derben R-Laut dann auch in SchottlandR. 
Zu hoffen wäre es den deutschen Fans jedenfalls genauso wie ein gutes viertes Album mit Kanten, Ecken und ohne den besungenen Wunsch, lieber tot zu sein ((I’d rather be dead) Than be with you). Auf derartige Endgültigkeit bereitet einen schließlich auch der größte Liebeskummer nicht vor. Das darf man ja bei aller Hingabe zum Leiden nicht vergessen.
GlasvegasLater…When The TV Turns To StaticVÖ: 06. September 2013
Wer gute Alternativen sucht: Das jeweils neue Album von Franz Ferdinand (Right Thoughts, Right Words, Right Action) und von den Arctic Monkeys (AM) bringt deutlich mehr Spaß in eure musikverwöhnten Öhrchen. Und - keine Ursache.

    Das hier ist kein Spaßalbum!

    Das große Jammern, ganz viel Pathos, dieses bittere Leiden, diese Zerrissenheit und der unendliche Kummer, der sich in einem breit macht – ja, ich mag alles das in der Musik. Und ich mag es, das vermittelt zu bekommen, mich verstanden und gut aufgehoben zu fühlen.

    Das unbetitelte Debütalbum (2008) von Glasvegas ist ein Meisterwerk dieses ganz speziellen Fachs. Euphoric/// Heartbreak\\ (2011) versuchte dann im Prozess der Weiterentwicklung sich davon zu emanzipieren – scheiterte jedoch vor allem an zu hoch gesteckten Zielen. Und jetzt? Seit einigen Tagen ist das dritte Album der schottischen Rock-Band auf dem Markt. Es heißt Later…When The TV Turns To Static.

    Was hatte ich mich auf dieses Album gefreut – was wurde ich enttäuscht. Fangen wir mal an mit James Allan. Der Frontmann hat einen markanten Dialekt und eine noch markantere Stimme, die bisher dafür gesorgt hat, dass mir nicht auffiel, was dieses Album beeindruckend zu Tage fördert: Allan rollt das R so schrecklich oft und tut das in einer Art, die klingt, als hätte er beim Singen eine heiße Kartoffel im Mund. Zeitweilig macht es wirklich keinen Spaß, diesen knapp 45 Minuten zu lauschen.

    Dann die gesamte Instrumentalisierung durch die übrigen drei Bandmitglieder: Überlebensgroß soll alles klingen. Obwohl – eigentlich überlebensgrößer. Da ist von allem zu viel, zitternde Gitarren, dieser leichte Hall, der jedes Instrument trägt, als würde die Band vom Himmel herunter spielen und kaum der Versuch, überhaupt auch mal nur einen Gang zurückzuschalten. Das ist oft irre grenzwertig und schafft, dass ich mich frage, ob Glasvegas das ernst meinen. Natürlich tun sie das. Later…When The TV Turns To Static ist ja kein Spaßalbum! Es wird gelitten – kitschig und auf gefährlich schmierigem Niveau. 

    Die englische Presse feiert das Album derweil, wie die Zitate-Sammlung auf der Homepage der Band beweist. Vielleicht ist genau das mein Problem: Vielleicht geht mir keiner ab, weil ich weder Brite noch Schotte bin. Vielleicht passt das Album aber auch erst, wenn draußen Schnee liegt. Vielleicht funktioniert es live sogar sehr gut. Vielleicht lässt Allan seinen derben R-Laut dann auch in SchottlandR.

    Zu hoffen wäre es den deutschen Fans jedenfalls genauso wie ein gutes viertes Album mit Kanten, Ecken und ohne den besungenen Wunsch, lieber tot zu sein ((I’d rather be dead) Than be with you). Auf derartige Endgültigkeit bereitet einen schließlich auch der größte Liebeskummer nicht vor. Das darf man ja bei aller Hingabe zum Leiden nicht vergessen.

    Glasvegas
    Later…When The TV Turns To Static
    VÖ: 06. September 2013

    Wer gute Alternativen sucht: Das jeweils neue Album von Franz Ferdinand (Right Thoughts, Right Words, Right Action) und von den Arctic Monkeys (AM) bringt deutlich mehr Spaß in eure musikverwöhnten Öhrchen. Und - keine Ursache.

  4. Es kratzt
Alison Goldfrapp ist zurück. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Will Gregory war sie seit Felt Mountain (2001) nicht so gut, wie auf ihrem neuen Album Tales of us. Dieses will eigentlich ein Konzeptalbum sein: Jeder Titel trägt den Namen einer Frau, bis auf das Stück Stranger.
Damit sind wir bereits beim einzigen Manko dieses knapp 45 minütigen Albums angelangt: Natürlich ist das Konzept zu klein und am Ende nur als Schablone für zehn Geschichten, die auch ohne weibliche Vornamen funktionieren würden. Punkt, aus – mehr Schlechtes gibt es zu diesem ersten Herbstmeisterwerk des 2013er Musikmarktes nicht zu sagen.
Über Mandolinen, Gitarren, Streichern und sachtem (nicht seichtem!) Seelenpop schwebt Alison Goldfrapps Stimme und malt Bilder einer Welt, die still zu stehen scheint. Und das ist erstaunlich. Goldfrapp haben nahezu alle Genres durchexerziert: von Chill-out zu Disco über Glam Rock hin zu Elektro. Und jetzt? Was ist das hier? Am ehesten vielleicht Chill-out. Wobei diese Klassifizierung Tales of us nicht einmal im Ansatz gerecht wird.
Nichts hieran ist handzahm, geschweige denn bloßes Entspannen. Manchmal klingt Golfrapps Stimme verzerrt, geradezu geisterhaft majestätisch. Als würde sie hinter dichtem Nebel stehen und selbst nicht wissen, ob sie auf der Jagd ist oder warnen will vor dem Leben.
Und weil ich einfach nicht aufhören kann, beim Hören dieser Musik in Bildern zu denken, noch dieses hier: Tales of us ist einer dieser Pullover, den man wegen des Musters, der Farbe und des Schnitts liebt. Aber er kratzt hin und wieder. Und dieses Kratzen nimmt man in Kauf, weil man weiß, dass er einem steht. Man fühlt sich gut darin.
Kurzum: Zeitlos ist das, was Goldfrapp uns hier schenken. Und damit beachtlich weit weg vom kurzweiligen Head First (2010), was vielleicht noch erwähnt werden sollte, weil es diesem Ausreißer am sonst so präsenten Goldfrapp-Spirit fehlte. Tales of us hingegen ist anders. Groß und gefährlich nämlich. Alternativpop also, der bleibt.

GoldfrappTales of usVÖ: 06. September 2013

    Es kratzt

    Alison Goldfrapp ist zurück. Und, um es gleich vorwegzunehmen: Gemeinsam mit ihrem musikalischen Partner Will Gregory war sie seit Felt Mountain (2001) nicht so gut, wie auf ihrem neuen Album Tales of us. Dieses will eigentlich ein Konzeptalbum sein: Jeder Titel trägt den Namen einer Frau, bis auf das Stück Stranger.

    Damit sind wir bereits beim einzigen Manko dieses knapp 45 minütigen Albums angelangt: Natürlich ist das Konzept zu klein und am Ende nur als Schablone für zehn Geschichten, die auch ohne weibliche Vornamen funktionieren würden. Punkt, aus – mehr Schlechtes gibt es zu diesem ersten Herbstmeisterwerk des 2013er Musikmarktes nicht zu sagen.

    Über Mandolinen, Gitarren, Streichern und sachtem (nicht seichtem!) Seelenpop schwebt Alison Goldfrapps Stimme und malt Bilder einer Welt, die still zu stehen scheint. Und das ist erstaunlich. Goldfrapp haben nahezu alle Genres durchexerziert: von Chill-out zu Disco über Glam Rock hin zu Elektro. Und jetzt? Was ist das hier? Am ehesten vielleicht Chill-out. Wobei diese Klassifizierung Tales of us nicht einmal im Ansatz gerecht wird.

    Nichts hieran ist handzahm, geschweige denn bloßes Entspannen. Manchmal klingt Golfrapps Stimme verzerrt, geradezu geisterhaft majestätisch. Als würde sie hinter dichtem Nebel stehen und selbst nicht wissen, ob sie auf der Jagd ist oder warnen will vor dem Leben.

    Und weil ich einfach nicht aufhören kann, beim Hören dieser Musik in Bildern zu denken, noch dieses hier: Tales of us ist einer dieser Pullover, den man wegen des Musters, der Farbe und des Schnitts liebt. Aber er kratzt hin und wieder. Und dieses Kratzen nimmt man in Kauf, weil man weiß, dass er einem steht. Man fühlt sich gut darin.

    Kurzum: Zeitlos ist das, was Goldfrapp uns hier schenken. Und damit beachtlich weit weg vom kurzweiligen Head First (2010), was vielleicht noch erwähnt werden sollte, weil es diesem Ausreißer am sonst so präsenten Goldfrapp-Spirit fehlte. Tales of us hingegen ist anders. Groß und gefährlich nämlich. Alternativpop also, der bleibt.

    Goldfrapp
    Tales of us
    VÖ: 06. September 2013

  5. Willenlos
Ich bin überzeugt: Es gibt Gefühle, die sich tatsächlich nicht beschreiben lassen. Versucht man es trotzdem, bleibt es immer beim Versuch. Meist stellt man enttäuscht fest, dass die Worte schon derart verbraucht und stumpf sind, dass es einem falsch vorkommt, sie zu benutzen, um dem Unbeschreiblichen Merkmale überzustülpen.
Wenn ich heute daran zurückdenke, wie mein Vater mich als kleines Kind tief in der Nacht geweckt hat, damit ich den Film Conan, der Barbar schauen konnte, dann gerate ich in eine solche Situation. Ich wollte diesen Film unbedingt sehen, aber meine Mutter hatte es mir verboten. Als ich dann im Schneidersitz auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers saß, nur die Farben unseres alten Fernsehgeräts den Raum in Flackerlicht tauchten, bekam ich nicht einmal mehr mit, dass mein Vater irgendwann eingeschlafen sein musste. Ich war nicht mehr in meinem Elternhaus, das in einem kleinen unbedeutenden Dorf steht, sondern weit weit weg. Und obwohl ich diesen seltenen Kindheitsmoments des Glücks noch erinnere und fühlen kann, was ich damals gefühlt habe, fehlen mir heute wie damals die Worte. Man sieht mich allenfalls breit grinsen.

Auch Musik schafft das manchmal bei mir: Dass ich mich so wohl damit fühle wie selten und doch nicht sagen könnte warum. Benannt nach einem experimentellen Raketenflugzeug aus Amerika klingt die irische Band Bell X1 auf ihrem neuen Album Chop Chop, als hätten sie von Beginn an nur ein Ziel: uns Hörer mit ihrer Musik wenige Zentimeter über dem Erdboden durch die Weltgeschichte zu tragen.
Alternativen Indie-Pop machen die drei Jungs, deren berühmtestes Mitglied die Band nach deren Debütalbum jedoch verlassen hat: Damien Rice. Das ist lange her, neue Alben ohne Rice folgten längst. Auch der Qualität ihres neuen Albums wird das keinen Abbruch tun.
Das liegt zum einen daran, dass dieser Indie-Pop das „alternativ“ sehr ernst nimmt, weil es tatsächlich an allen Ecken und Kanten schrammelt, kratzt und wütet. Zum anderen haben sich die drei Iren neun wundervolle Melodien ausgedacht, die schnell klar machen, warum alle bisher erschienen Alben in ihrem Heimatland binnen kürzester Zeit Platinstatus erreicht haben.
Sehr organisch klingt das, was hier abgeliefert wird und ist hervorragend produziert von Peter Kadis und Thomas Bartlett. Beide sind u.a. auch für den abgemischten Sound von The National verantwortlich, letzterer zusätzlich für die sphärischen Klangwelten von Antony & The Johnson’s.
Am Ende kann ich nur noch sagen: Chop Chop liefert die derzeit vielleicht schönste Kopfhörermusik, der man sich vollständig und willenlos ausliefern kann. Man wird es nicht bereuen.  

Bell X1Chop ChopVÖ: 05. Juli 2013
Das Album im Stream:

Remix-tauglich ist die Musik der drei Herren auch:

    Willenlos

    Ich bin überzeugt: Es gibt Gefühle, die sich tatsächlich nicht beschreiben lassen. Versucht man es trotzdem, bleibt es immer beim Versuch. Meist stellt man enttäuscht fest, dass die Worte schon derart verbraucht und stumpf sind, dass es einem falsch vorkommt, sie zu benutzen, um dem Unbeschreiblichen Merkmale überzustülpen.

    Wenn ich heute daran zurückdenke, wie mein Vater mich als kleines Kind tief in der Nacht geweckt hat, damit ich den Film Conan, der Barbar schauen konnte, dann gerate ich in eine solche Situation. Ich wollte diesen Film unbedingt sehen, aber meine Mutter hatte es mir verboten. Als ich dann im Schneidersitz auf dem Fußboden unseres Wohnzimmers saß, nur die Farben unseres alten Fernsehgeräts den Raum in Flackerlicht tauchten, bekam ich nicht einmal mehr mit, dass mein Vater irgendwann eingeschlafen sein musste. Ich war nicht mehr in meinem Elternhaus, das in einem kleinen unbedeutenden Dorf steht, sondern weit weit weg. Und obwohl ich diesen seltenen Kindheitsmoments des Glücks noch erinnere und fühlen kann, was ich damals gefühlt habe, fehlen mir heute wie damals die Worte. Man sieht mich allenfalls breit grinsen.

    Auch Musik schafft das manchmal bei mir: Dass ich mich so wohl damit fühle wie selten und doch nicht sagen könnte warum. Benannt nach einem experimentellen Raketenflugzeug aus Amerika klingt die irische Band Bell X1 auf ihrem neuen Album Chop Chop, als hätten sie von Beginn an nur ein Ziel: uns Hörer mit ihrer Musik wenige Zentimeter über dem Erdboden durch die Weltgeschichte zu tragen.

    Alternativen Indie-Pop machen die drei Jungs, deren berühmtestes Mitglied die Band nach deren Debütalbum jedoch verlassen hat: Damien Rice. Das ist lange her, neue Alben ohne Rice folgten längst. Auch der Qualität ihres neuen Albums wird das keinen Abbruch tun.

    Das liegt zum einen daran, dass dieser Indie-Pop das „alternativ“ sehr ernst nimmt, weil es tatsächlich an allen Ecken und Kanten schrammelt, kratzt und wütet. Zum anderen haben sich die drei Iren neun wundervolle Melodien ausgedacht, die schnell klar machen, warum alle bisher erschienen Alben in ihrem Heimatland binnen kürzester Zeit Platinstatus erreicht haben.

    Sehr organisch klingt das, was hier abgeliefert wird und ist hervorragend produziert von Peter Kadis und Thomas Bartlett. Beide sind u.a. auch für den abgemischten Sound von The National verantwortlich, letzterer zusätzlich für die sphärischen Klangwelten von Antony & The Johnson’s.

    Am Ende kann ich nur noch sagen: Chop Chop liefert die derzeit vielleicht schönste Kopfhörermusik, der man sich vollständig und willenlos ausliefern kann. Man wird es nicht bereuen.  

    Bell X1
    Chop Chop
    VÖ: 05. Juli 2013

    Das Album im Stream:

    Remix-tauglich ist die Musik der drei Herren auch:

  6. Es ist gar nicht so einfach, eine Brücke zwischen melodischem Alt-Rock und modernem Indie-Rock zu schlagen – Sleeperstar versuchen es trotzdem. Auf das 2010 veröffentlichte Debüt Just Another Ghost folgte ein kleiner verdienter Karriereboost.

    Die Musik der aus Dallas stammenden Jungs hat es auf den Soundtrack verschiedener TV-Serien geschafft (z. B. Vampire Diaries). Danach kam eine ausgedehnte College-Tour und sicher auch jede Menge verdiente Feierei. Im Herbst diesen Jahres soll nun aber das zweite Album von Sleeperstar erscheinen. Bis es soweit ist, überraschen die Jungs mit einem besonders ausführlichen Teaser in Form einer EP.

    Blue Eyes heißt das gute Stück, besteht aus 6 neuen Songs und Melodien im Breitwandformat, die manchmal an die der frühen Snow Patrol erinnern. Die Stimme von Sänger Chris Pearson kling so, wie die Stimme einer Rockband klingen muss: es kratzt und schmiergelt oft wie Schleifpapier auf Holz. Dass er auch über eine gewisse gesangliche Variation verfügt, beweist er in Songs wie der Mid-Tempo-Nummer Blue Eyes

    Man merkt den Jungs an, dass sie die großen Hallen füllen wollen. Die Songs sind mal still und pathetisch, mal kämpferisch oder klingen nach Neubeginn. Da ist für jeden was dabei, für manche aber vielleicht auch zu viel.  

    Das aktuelle Mini-Album birgt eine Besonderheit, die noch erwähnt werden soll: Zu jedem der 6 Songs gibt es ein Video auf dem Sleeperstar-YouTube-Kanal. In Zeiten, in denen Musikvideos kaum noch Aufmerksamkeit geschenkt wird, fällt das durchaus positiv auf. Zumindest jenen, die kleine Bewegtbildergeschichten zu ihrer Lieblingsmusik zu schätzen wissen.

    Übrigens, den ersten Song der EP Blue Eyes gibt es bei Amazon gerade zum kostenlosen Download.

    Sleeperstar
    Blue Eyes (EP)
    VÖ: 07. Juni 2013

  7. Etwas Besonderes

    Das zwischen ihm und mir ist eine ernste Sache geworden. Auch wenn ich ihn zum ersten Mal auf einer schrecklichen Veranstaltung namens Bundesvision Song Contest gesehen habe. Trotzdem reichte diese eine Begegnung aus, um mich dieses ganz besondere Blut lecken zu lassen. 

    Der Song, durch den ich auf Pascal Finkenauer aufmerksam wurde, war Unter Grund: Ein dynamischer Abgesang auf alles das, was war, gerade ist und sein könnte. Ein Text, so spitz wie ein gerade geschärftes Messer, dazu Finkenauers Kratzstimme, die Wunden aufzureißen vermag und am Ende einen Tropfen Balsam zurücklässt, damit der verkümmerte Kern wieder heilen kann.

    Und tatsächlich ging es mir so mit dem gesamten gleichnamigen Album Unter Grund (2009). Ein vollkommen unterschätztes deutschsprachiges Meisterwerk, weil zu viele da draußen Nena hören.

    Kurze Zeit später kaufte ich mir das 2004 veröffentlichte Debütalbum Finkenauer, wurde aber nie so recht warm damit. Man hört dem Album an, dass ein Gerüst fehlt. Etwas, das alles zusammenhält. Musikalisch, gesanglich und textlich tat ich es als gescheitertes Experiment eines jungen Musikers ab, der zu viel auf einmal wollte. Vor zwei Jahren veröffentlichte der Mainzer Songwriter das kleine englischsprachige Mini-Album Diamond, das ich komplett ignoriert habe.

    Unter Grund war für mich also das Maß aller Dinge.

    Jetzt erscheint sein neues schlicht nach ihm benanntes Album Pascal Finkenauer. Mittlerweile ist der kluge Kopf dahinter Mitte 30, hat viele Höhen und Tiefen erlebt, einen Gedichtband veröffentlicht und verfügt – zum Glück – noch immer über eine Stimme, die schafft, dass ich durch alles hindurchschauen und mich vollständig in diesen extrem guten deutschsprachigen Texten verlieren kann.

    Gut möglich, dass Selig neidisch auf Finkenauer blicken, weil er genau die Art von unangestrengten Alternativ-Rock macht, der den Hamburger Jungs nicht mehr so recht gelingen will. Die Stärke dieses besonderen Songwriters liegt in seinen ehrlichen, unkitschigen, eindringlichen, wendungsreichen und dadurch manchmal schlichtweg zu Tränen rührenden Texten.

    Dieses Stück hier stammt übrigens auch vom Album Unter Grund:

    Ich denke an dich und das wundert mich, nach all der Zeit ist so ein Stück hingeworfene Verszeile vom neuen Album, die mich - in der Bahn sitzend - ausgeknockt hat. Da kann man dann nicht mal was dagegen tun, dass der Blick in die weite Welt plötzlich verschwimmt. Es ist die Hölle. Ehrlich, echt und packend.

    Finkenauers neues Album sind die besten 50 Minuten deutschsprachiger Musik, in die man in diesem drei Monate jungen 2013 investieren kann.

    Pascal Finkenauer
    Pascal Finkenauer
    VÖ: 05. April 2013

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