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Gute Geister

Als Kind bin ich, wann immer ich bei meinen Großeltern übernachtet habe, am späten Abend, wenn sie im Erdgeschoss Fernsehen schauten, aus meinem Bett gestiegen und über den weiten Flur und die quietschenden Fußbodendielen hinweg zu meinem Wachtturm gelaufen.

Der Wachtturm war eine zweite Etage über einem Vorbau, der sich an einer Ecke vom Haus meiner Großeltern befand. Im Erdgeschoss gelang man darüber in das Haus und eine zweite Etage auf dem Vorbau wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Dennoch gab es sie. Nur eine Wand davon war zementiert, alle übrigen bestanden aus weitem Fensterglas. Auch die Decke war durchsichtig.

Nachts machte ich diesen Raum zu meiner einsamen Festung. Keines der Regale in dem kleinen Raum war damals größer als ich. Es gab einen Sessel, in den ich mich oft setzte, die Beine fest an mich zog, meine Arme darum klammerte und nach draußen schaute. Ringsum. Außerdem gab es einen kleinen Tisch und zwei Stühle, die jedoch kaum benutzt wurden.

Wenn ich diesen Raum betrat, dann ging es zunächst immer eine Stufe hinab. Leise schloss ich dann die Tür hinter mir, damit meine Großeltern nicht mitbekamen, was ich über ihnen trieb. Vermutlich war ich sechs oder sieben Jahre alt, jedenfalls bekam ich immer Gänsehaut in diesem Raum. Auch heute ist das noch so. Die wenigen Regale sind seit jeher gefüllt mit materiellen Dingen, die an längst verstorbene Familienmitglieder erinnern sollen. Niemanden davon hatte ich je kennengelernt. Trotzdem überrollte mich stets eine derart heftige Gänsehaut, dass ich das Gefühl nicht los wurde, dass dieser Raum ein Mausoleum gespenstiger Vergangenheit sein musste. Mit großen Augen schritt ich Mal auf Mal die Regale ab, legte meinen Zeigefinger auf alte Buchrücken, Fotos unbekannter Menschen, kitschige Figuren mit roten Mündern, bis ich vor einem Monokular stand. 

Dabei handelt es sich um ein Fernglas, das man nur vor ein Auge halten kann. Es war schwarz, hatte eine schuppige Oberfläche und wog schwer in meiner damaligen sechs Jahre alten Hand. Meist zog ich einen Stuhl an eine der drei Fensterfronten, kniete mich darauf und sah über weite Felder, Füchsen beim Umherirren zu, in fremde Häuser und Menschen hinter zugezogenen Gardinen oder in offene Garagen.

Wenn ich den Kopf hob, mit dem Monokular vor meinem Auge, blickte ich in den Sternenhimmel, sah Sterne erlischen, neue aufleuchten und manchmal Flugzeuge mit blinkenden Lichtern in der Ferne. Ich konnte mich lange in diesem Raum aufhalten, fast regungslos dort verharren. Immer lauschte ich, ob der Schritte meiner Großeltern auf der in die Jahre gekommenen rustikalen Treppe. Kamen sie nach oben, um sich schlafen zu legen, wusste ich, dass ich noch etwas warten musste, bis ich mich auch in mein Bett zurückbegeben konnte. Ein Zeitgefühl hatte ich damals noch nicht, also konnte es sein, dass ich – was einige Male passierte – bis zum frühen Morgengrauen in diesem kleinen Turm blieb und erst ging, als es um mich herum heller wurde.

Vor einigen Tagen, als ich meinen Großeltern zu ihrem 55. Hochzeitstag gratulierte, zeigte meine Oma auf all die Glückwunschkarten, die die beiden bekommen hatten. Neben den Karten lag das alte Monokular, abgegriffen, noch immer schuppig und glänzend vom Handschweiß der Menschen, die es in den zurückliegenden Jahren unterschiedlich lang vor ihren Augen hielten. Ganz kurz dachte ich an all die guten Geister über mir.

Bild von: yearoftheglitch

    • #Kindheit Erinnerung
  • Vor 10 Monaten > yearoftheglitch
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