
Liebe Paloma,
als wir uns vor etwa drei Jahren kennenlernten, war ich ziemlich spät dran. Überhaupt war das zwischen uns keine Liebe auf den ersten Blick. Obwohl du talentiert und wunderschön anzuschauen warst, brauchte ich meine Zeit, um mich an dich zu gewöhnen.
Doch als du jene Stadt besungen hast, der auch schon Frank Sinatra verfallen war, spürte ich, dass da mehr ist. Denn du verteufeltest diese Stadt, die dir deinen Mann nahm. Er ließ dich einsam zurück und mit großer Geste warfst du diesem dummen dummen Kerl ein Lied nach, das ich noch heute für eines der besten Poplieder überhaupt halte. Auch die übrigen neun Songs deines ersten Albums übten einen immer größer werdenden Reiz auf mich aus. Du sangst anders, interpretiertest anders, scheutest dich nie vor Übertreibungen und hast es so geschafft, den Kern mancher wichtigen Botschaft auch nachhaltig in mein Herz zu impfen.
Drei Jahre sind seither vergangen. Nun bist du wieder da, Paloma. Schon vor einigen Wochen entdeckte ich das Video zu deiner ersten Single vom neuen Album und konnte mich daran bis heute nicht satthören und -sehen. In der Zwischenzeit hat - das muss man leider sagen - eine andere, dir ähnliche junge Frau die Musikbühne betreten. Eine, die einen unfassbaren Hype erfahren durfte. Einen, den ich nicht zelebrierte, weil deren Debütalbum streckenweise noch immer dröge und überambitioniert auf mich wirkt. Interessant ist, dass ihr beide fast gleich alt seid – euch trennt nur ein knappes Jahr. Und doch wirkst du auf mich reifer, erwachsener und versierter im »Star sein« als diese Lana. Himmel, ihr sehr euch sogar ähnlich, wenn man es genau nimmt.

Ihr beide verkörpert einen anderen Typus Sängerin, als den der üblichen Tanzbienen oder verletzten Zurückgelassenen. Eure Haare sitzen anders perfekt als die der Popsternchen. Eure Frisuren wirken wie in Stein gemeißelt, die blasse Haut ist bis auf das Rouge auf den Wangen zarter als Porzellan und eure teufelsrot markierten Lippen wollen geküsst werden, obwohl man als Küssender doch fortwährend weiß, dass es der eigene Untergang sein wird. Lana kann ich aber nicht ernst nehmen: Nicht nur, dass ihr Stimmchen kümmerlich ist im Vergleich zu deinem Organ. Es ist am Ende eben die alles entscheidende Tatsache, dass du wirkst, als wüsstest du wovon du singst, nein: erzählst. Selbst wenn alles gelogen ist, du überzeugst selbst darin und bist die perfektere Täuscherin. Das nehme ich gern in Kauf und dir noch viel lieber ab.
Dein neues Album ist großer Pop, durchdacht, von Anfang bis Ende ausgeklügelt und ein einziges Leuchten in diesem Einheitsdunkel der weiblichen Popstarwelt. Eine Freundin von mir meinte kürzlich, sie könne mit dir nichts anfangen. In jedem deiner Worte würde sie deine Kieferfehlstellung heraushören. Ernsthaft, das hat sie gesagt. Abgewunken habe ich diese Äußerung! Und selbst wenn du Mahlzähne hättest, wäre es mir egal, weil es deine Stimme, deine Inbrunst und diese Betonung bestimmter besungener Umstände aus unser aller Leben sind, die dich für mich so besonders machen. Vieles davon ist schon jetzt überlebensgroß.
Lass mich bitte nicht wieder drei Jahre auf das nächste Album von dir warten. Es sei denn es ist so gut wie Fall To Grace.
In tiefer Bewunderung,
Dexter
Paloma Faith
Fall To Grace
VÖ: 29. Juni 2012

